Schluss mit der britischen Sonderrolle

Keine Frage, die Europäische Union könnte ein Land wie Großbritannien gut gebrauchen. Ein Land, das finanziell stabil, ökonomisch vernünftig, außenpolitisch stark, weltoffen und zuverlässig ist und diese Tugenden in der gebeutelten Gemeinschaft einbringt. Allein, es gibt dieses Land nicht. Und schon gar nicht heißt es Großbritannien.

Das Haushaltsdefizit des Vereinigten Königreichs ist größer als das der Griechen. Die Schulden drücken, die Regierung spart. So weit, so europäisch. Doch die Probleme, die Großbritannien mit vielen anderen Staaten in der EU teilt, haben nicht zu mehr Miteinander geführt. Die britische Regierung hat sich vielmehr eingeigelt und gefällt sich darin, von Zeit zu Zeit ein paar blasierte Ratschläge über den Ärmelkanal zu schicken.

Wenn es noch einen Beweis für den britischen Realitätsverlust gebraucht hätte, dann hat ihn der britische Premierminister David Cameron auf dem EU-Gipfel geliefert. Während die Euro-Staaten um mehr Gemeinsamkeiten rangen, hatte Cameron – getrieben von seiner europaskeptischen Partei – nichts Besseres zu tun, als Sonderregeln zum Schutz der heimischen Finanzindustrie zu fordern. Das Ergebnis: 23 Staaten gehen voran, drei weitere prüfen, ob sie bei den neuen Regeln mitmachen – nur Großbritannien steht abseits .

Nun könnte man die Forderungen der Briten als Folklore abtun, als nicht besonders originelle Interpretation einer angestammten Sonderrolle. In der Tat, die EU hat schon ganz andere Premierministerinnen ertragen als Cameron. Doch es geht in dieser Krise nicht mehr ums Kleingedruckte, um einen Beitragsrabatt etwa, den die britische Regierung zu Hause stolz als Trophäe präsentieren kann. Es geht jetzt sehr grundsätzlich um das Verhältnis der Mitgliedsstaaten zueinander und zu dem Club, für den man gemeinsam Verantwortung trägt.

Die Briten sind diesem Club, der EU, schon 1973 beigetreten, aber sie haben stets auf Distanz geachtet. Eine Mitgliedschaft mit begrenzter Haftung – und möglichst großem eigenen Vorteil. Kein anderes Land hat die Union so sehr auf eine Freihandelszone reduziert wie Großbritannien. Das ging so lange gut, wie die EU als Zugewinngemeinschaft funktionierte. Jetzt, in der Krise, fällt derjenige auf, der nicht mehr beitragen will als kluge Ratschläge. Dabei ist die Unabhängigkeit, die Großbritannien verzweifelt verteidigt, längst eine Fiktion. Viel zu groß sind die wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten.

Mag sein, dass die Briten diese Abhängigkeit spüren und insgeheim darunter leiden. Vielleicht reagieren sie gerade deshalb besonders allergisch auf jeden Vorschlag für eine weitere Integration. Natürlich, auch andere Mitgliedsstaaten hätten lieber auf ein neues Regelwerk verzichtet; aber kein Land außer Großbritannien ist auf die Idee gekommen, ausgerechnet jetzt neue Sonderregeln für sich zu reklamieren . Auch andere EU-Länder zweifeln, ob die Einführung einer Finanztransaktionssteuer sinnvoll ist; aber keine Regierung verteidigt die eigene Finanzindustrie so vorbehaltlos wie die in London. Selbst auf dem Feld, auf dem das Königreich dringend gebraucht würde, in der Außen- und Sicherheitspolitik, blockiert es nach Kräften. Die längst überfällige Einrichtung eines militärischen Hauptquartiers der EU scheiterte in der vergangenen Woche – am Veto aus London.

Nicht die Anderen müssen sich entscheiden, wie viel Rücksicht sie noch auf Großbritannien nehmen. Großbritannien muss sich entscheiden, welche Rolle es in der Union künftig spielen will. Als notorische Nein-Sager sind die Briten überflüssig. Von Matthias Krupa