Der Prophet Mohammed soll einmal gesagt haben, die Feige sei eine Frucht aus dem Paradies. Wenn das stimmt, muss die Türkei das Paradies sein, denn das Land ist voller Feigenbäume. Mehr von diesen nach Honig duftenden Früchten werden nirgendwo sonst angebaut. Noch auf den Feldern trocknen sie in der Sommersonne. Dann kommen Transporter, um sie in ausladende Fabriken zu bringen, wo sie sortiert und verpackt werden. Türkische Feigen werden in die ganze Welt verkauft.

Es war in einer dieser Fabriken, in Aydin nicht weit von der Ägäis, wo der Fotograf Olaf Unverzart diese Hände sah. Er blieb stehen und schaute zu, wie sie Feigen sortierten. Es war, als hätten ihn die Hände am Arm gepackt, denn eigentlich wollte er etwas ganz anderes fotografieren.

"Ihre Hände sahen aus wie die Feigen selbst", sagt Unverzart. "Sie hatten dieselbe Farbe, dieselbe Form. Eine perfektes Zusammenspiel." Später fragte er den Chef der Fabrik nach dem Namen der Arbeiterin, mit der er kein Wort wechseln konnte, weil er kein Türkisch spricht. So erfuhr er: Die Feigenhände gehören Ayfer Aslan, einer Frau in ihren Dreißigern, die wie all die anderen hier einen knielangen, mintgrünen Kittel trägt. Weil sie ohne Kopftuch zur Arbeit geht, setzt sie in der Fabrik eine Haube auf, so verlangen es die Hygienevorschriften. In ihrer Arbeitskleidung könnte man sie für eine Chirurgin halten. Ayfer Aslans Gesicht mit den braunen Augen und dem Verlegenheitslächeln – es ist ihr etwas peinlich, als Einzige fotografiert zu werden – ist Olaf Unverzart erst später aufgefallen. Das lag daran, dass die Lichtleiste, die die Feigen ausleuchtet, genau auf der Höhe der Gesichter hängt.

Auch untereinander können sich die Frauen nicht anschauen, aber das sollen sie auch nicht. Während sie miteinander über Gott und die Welt sprechen, sehen sie zwei Dinge: getrocknete Feigen und die eigenen Hände, roboterhaft die immergleichen Bewegungen vollführend. An einem Tag laufen 2,5 Tonnen Feigen an ihnen vorbei.

Olaf Unverzart, 1972 im Bayerischen Wald geboren, kommt aus einer anderen Welt. Trotzdem weiß er, wie es ist, monotone Arbeit zu verrichten. Als Student jobbte er bei BMW. Seine Aufgabe war es, die Folie von den neuen Autos zu ziehen, die vom Band liefen. Er erinnert sich, dass die wiederkehrenden Handgriffe irgendwann wie in Zeitlupe erfolgten. Ein Gefühl der Entschleunigung stellte sich ein, das Unverzart in seinen Fotos festzuhalten vermag. So gesehen, ist die Feigen-Serie eine für ihn typische Arbeit, weil er in ihr Schnelles verlangsamt. Dazu gehört auch, dem Motiv seine Richtung zu nehmen. Nicht nur das Fließband könnte genauso gut rückwärts wie vorwärts laufen. Selbst Radrennfahrer – ein immer wiederkehrendes Motiv bei Unverzart – scheinen in seinen Aufnahmen richtungslos zu schweben.

Für eine andere Serie hat er es geschafft, nimmermüde Marathonläufer anzuhalten – auch Haile Gebrselassie, den besten unter ihnen. In Äthiopien hat Unverzart die Fußsohlen der Laufstars fotografiert, so nah, dass man jede einzelne Linie darauf nachzeichnen kann. Es sind solche Details, die er meint, wenn er sagt: "Ein Foto sollte etwas können, was das Auge nicht kann." Dies sei der spezielle Mehrwert eines Fotos, seine Existenzberechtigung. Die Bilder aus der Feigenfabrik lassen uns mehr sehen, indem sie einen winzigen Produktionsschritt der Wertschöpfungskette entheben und so sichtbar machen.

Der Fotograf hat ein Stück globale Realität aus dem Nirgendwo der Westtürkei mitgebracht, zerhackt in Einzelbilder. Sie sind die Antwort auf eine der vielen Fragen zur Warenwelt, die uns täglich umgibt. Olaf Unverzart zeigt uns, was unsere Augen sonst nicht sähen: durch welche Hände die Feigen, die wir essen, gegangen sind.

Ayfer Aslan und die anderen Arbeiterinnen sortieren die Feigen danach, ob sie eine lange Reise überstehen können. Mit gespreizten Fingern fahren sie durch die Früchte, um die zu finden und auszusondern, die nicht reisetauglich sind. Nur ab und an, wenn die Kollegin mit der Desinfektionslösung ihre Runde dreht, ziehen sie ihre Hände aus dem Feigenfluss und halten sie hinter den Rücken, um sie desinfizieren zu lassen. Der Geruch dieser Prozedur überdeckt den Honigduft und erinnert daran, dass das Paradies anderswo sein muss.