Warum bringen Deutsche ihr Geld in die Schweiz? Weil das Land so stabil ist, seine Währung so sicher, die Banken so zuverlässig sind und die Privatsphäre hier noch etwas gilt, antworteten darauf Schweizer Banker. Weil man sein Geld dort so gut vor dem Finanzamt verstecken kann, entgegneten jene, die nicht Schweizer Banker waren.

Diskret und leise haben sich die Schweizer Banken diesen Ruf erworben, haben es zu den weltgrößten Offshore-Vermögensverwaltern gebracht. Es gab Zeiten, da konnten es sich gute Häuser leisten, ausländische Kunden abzuweisen, wenn der Ansturm wieder mal zu groß wurde. »Wir mussten gar nicht raus, die Leute kamen von selbst«, erinnert sich ein erfahrener Vermögensverwalter in Zürich. Aber schließlich reduzierten Hollywoodregisseure, Krimiautoren und Medien die Alpenrepublik jahrzehntelang auch auf Nummernkonten und Schließfächer. Weil in der Schweiz ein so striktes Bankgeheimnis galt, das Banken erst bei einem Verbrechensverdacht verpflichtete, ihre Kunden preiszugeben. Und da Steuerhinterziehung in der Schweiz lediglich ein Vergehen war, etwa wie ein falsch geparktes Auto, bissen die Steuerämter aus aller Welt auf Granit.

Es war einmal. Steuervergehen sind im Jahr 2011 kein Kavaliersdelikt mehr. Es wäre viel zu riskant, sein Vermögen vor dem Fiskus in Zürich oder Genf zu verstecken. Um ihre Haushaltslöcher zu stopfen, höhlten die USA und die EU-Staaten in den letzten drei Jahren das Schweizer Bankgeheimnis immer weiter aus: 2010 lieferte die UBS auf Druck von Washington die Daten von über 4.000 Amerikanern an die US-Steuerbehörden aus. Einem Dutzend weiterer Banken droht derzeit ähnliches Ungemach. Parallel dazu gewähren whistle-blower und Daten-CD-Dealer europäischen Steuerfahndern einen immer tieferen Einblick in die einst geheimen Konten. Gefügig gemacht wurde die Schweiz schon im April 2009, als die G-20-Staaten drohten, sie auf eine »schwarze Liste« zu setzen, die Konsequenzen für die Gesamtwirtschaft gehabt hätte. Da das kleine Land aber zu über 92 Prozent nicht von seinen Banken lebt, schließt die Regierung in Bern seither neue Doppelbesteuerungsabkommen ab – auch mit Deutschland. Das Ergebnis: Wer Steuern hinterzieht, wird vom Schweizer Staat nicht länger gedeckt.

Längst weigern sich die Banken an der Bahnhofstraße oder der Rue du Rhône, ausländische Kunden anzunehmen, bei denen sie Schwarzgeld wittern. Wer mit Bargeld kommt, wird freundlich hinausbegleitet. Immer öfter müssen Kunden unterschreiben, dass ihr Geld daheim gemeldet ist. Die Branche hat sich eine »Weißgeldstrategie« verordnet. Kein Wunder, dass der Fahnenschwenk das Geschäft belastet: So ist die Bruttomarge von deutlich über einem Prozent des verwalteten Vermögens auf 0,9 Prozent und weniger gesunken. Mitarbeiter im Backoffice wurden ebenso entlassen wie die Kollegen in den ertragsarmen Filialen. Und einige einst respektable Häuser verschwanden oder fusionierten: So verkauften ausländische Bankkonzerne wie Commerzbank, Dresdner Bank, ING und ABN Amro ihre Schweizer Private-Banking-Töchter. Und soeben verkündete die Crédit Suisse, dass sie ihre 1755 gegründete Tochter Clariden Leu der Synergien wegen im Mutterhaus aufgehen lässt. Gleichzeitig investiert ein Dutzend Schweizer Banken kräftig in Niederlassungen und Marktanteile in Singapur, Hongkong, Abu Dhabi oder São Paulo. Dort soll die Marke »Swiss Banking« neureiche Kunden akquirieren. Statt um wohlhabende Mittelständler und Zahnärzte aus Stuttgart oder Mailand bemühen sich die Geldspezialisten intensiver um Menschen mit dem Kürzel UHNWI: »Ultra High Net Worth Individuals« aus aller Welt. Das sind Personen und Familien, die mindestens 30 oder 50 Millionen Franken in ein Depot legen können. Das Bankgeheimnis als Mittel zur Steuerumgehung ist in dieser Sphäre eher nebensächlich.

Und so ist es vielleicht gar nicht so erstaunlich, dass der Kapitalabfluss aus der Schweiz überschaubar geblieben ist, bislang zumindest: Etwa 2.850 Milliarden Franken haben ausländische Anleger noch in der Schweiz geparkt. Anfang 2007 waren es 2960 Milliarden. Angesichts der Kursverluste an den Börsen seit Ausbruch der Finanzkrise müssen also die meisten ausländischen Kunden ihrem Schweizer Banker treu geblieben sein. Und die Unternehmensberatung Booz & Company erwartet bis 2013 lediglich weitere Mittelabflüsse deutscher Anleger in Höhe von bis zu 36 Milliarden Franken.