Es ist geschafft. Griechenland schreibt wieder ansehnliche schwarze Zahlen. Im Staatsbudget für das neue Jahr stehen als Einnahmen 21,3 Millionen, als Ausgaben 20 Millionen Drachmen. Der Überschuss soll den Beamten in Form einer Gehaltserhöhung zufließen, für die bisher das Geld fehlte. In den drei Jahren zuvor sind die Zollsätze für Ein- und Ausfuhren herabgesetzt worden; dennoch haben sich die Einnahmen binnen fünf Jahren ungefähr verdoppelt. »Einestheils«, schreibt ein Berliner Blatt, »ist dies der Hebung des Handels, anderntheils aber auch der Strenge zuzuschreiben, mit welcher die Regierung in den letzten Jahren die Bestechungen der Beamten verfolgt.«

Willkommen im Athen des Jahres 1859! Der neue Haushalt für das Jahr 1860 steht: Wirtschaftliche Stabilität ist eingekehrt, nach über einem Vierteljahrhundert großer Not. Denn seit der mühsam erkämpften Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich 1832 – Griechenland ist nun eine Monarchie, zu seinem Herrscher der Wittelsbacher Otto I. bestimmt – hing die neue Nation am Tropf anderer europäischer Staaten. Zwar stiegen die Einnahmen zunächst noch, doch von 1840 an sanken sie rapide und erreichten erst 1856 wieder 18 Millionen Drachmen. Für 1857 wurden durchgreifende Reformen im Finanzdepartement angekündigt, »denn die Erhebung der directen Steuern«, so weiß die Münchner Allgemeine Zeitung zu berichten, »sey fehlerhaft; die Regierung bereite indeß ein den Kammern vorzulegendes Gesetz darüber vor«.

Der Großteil der Schulden hing noch mit der Staatsgründung zusammen. Griechenland wollte zeigen, dass es sein abgewetztes orientalisches Gewand abgestreift hatte und zur modernen Welt gehörte. An selbstbewusster Prachtentfaltung mangelte es nicht. »Ich war überrascht«, notierte ein Besucher der königlichen Residenz in Athen, »als ich die Ballsäle betrat, welche geräumig, großartig angelegt und mit vorzüglichem Geschmacke decorirt waren. In keinem Palast Europa’s, selbst in der berühmten neuen Residenz in München, habe ich Säle gesehen, welche so imponirend waren.« Goethe, 1832 gestorben, scheint es geahnt zu haben. »Das Griechenvolk«, so lässt er im Faust seinen Mephisto böse spotten, »es taugte nie recht viel! / Doch blendets euch mit freiem Sinnenspiel.«

Bald nach der finanziellen Konsolidierung jedoch gibt es neue Unruhe. Der glücklose Otto wird 1862 gestürzt und kehrt nach Bayern zurück, als Nachfolger besteigt der Dänenprinz Georg den Griechenthron. In der Folgezeit erlebt das Land ein heftiges wirtschaftliches Auf und Ab. Das Staatsgebiet wird 1864 um die Ionischen Inseln und 1881 um Thessalien erweitert. Die Ausgaben für die Infrastruktur und das Militär beginnen erneut die Leistungsfähigkeit des Staates zu übersteigen. Am Bankenplatz London nimmt Griechenland in den Jahren zwischen 1881 und 1893 Kredite von fast 30 Millionen Pfund Sterling auf, nach heutiger Kaufkraft etwa drei Milliarden Euro.

Vor allem Großbritannien ist besorgt. Im Herbst 1892 wird der britische Major Edward Law in diplomatischer Mission nach Athen beordert. Der seit 1892 amtierende Premierminister Charilaos Tricoupis hat England und Frankreich um eine weitere Anleihe gebeten. Jetzt sollen aber erst einmal die Staatsfinanzen durchleuchtet werden.

Von der Partei des Premierministers herzlich begrüßt, ist der Empfang für Law in Griechenlands Öffentlichkeit (und Presse) nichts als feindselig. Mehr als vier Monate lang kämpft er sich mühevoll durch die Akten. Dabei bekommt Law einen tiefen Einblick in die unkonventionelle Buchführung der Behörden, die manchmal das Haushaltsjahr mit 14 Monaten rechnen. In seinem Bericht über die wirtschaftliche und finanzielle Lage in Griechenland, einer gnadenlosen Analyse, beschreibt Law, wie der Staat über seine Verhältnisse gelebt hat. Die Ausgaben für die Armee und die schlechte Organisation der Verwaltung hält er für die Hauptursachen der Krise. Die letzten Jahre seien nicht zur Verbesserung genutzt worden. Weiterhin würden exzessiv Kredite im Ausland aufgenommen, sei man unfähig, die Steuern einzutreiben, auch sei die Handelsbilanz nach wie vor unausgeglichen.

Gleichwohl bleibt Law gelassen: »Mit seinem reichen Boden, seinen bemerkenswert genügsamen Menschen und seinen ehrenwerten Staatsführern« dürfe das Land durchaus auf eine »glänzende Zukunft« hoffen.

Mitte März 1893 verlässt Law Athen. Für ihn ist Hellas längst eine wahre Herzensangelegenheit geworden. Denn er hat sich in die Athenerin Catherine Hatsopoulos verliebt, und die Verlobung wird vorsichtshalber erst bekannt gegeben, nachdem das Foreign Office in London seinen Report veröffentlicht hat. Dieser schließt denn auch mit einer gewagt optimistischen Prognose: Für das Jahr 1893 erwartet Law Staatsausgaben in Höhe von 95,5 Millionen Drachmen, denen Einnahmen von 99,5 Millionen Drachmen gegenüberstehen.