»Welcher Prominente hält Guttenberg die Treue?«, wollte dieser Tage eine bunte Illustrierte wissen und präsentierte die Phalanx seiner fabelhaften Freunde: das Trainer-Model Lothar Matthäus, den Fußballfunktionär Rainer Calmund und die Krimiautorin Nele Neuhaus. Das war es schon, mehr wurden es nicht. Dafür spielte die Gegenseite in Überzahl. Mit einer Mischung aus Unverständnis und blankem Entsetzen reagierten Politiker und Journalisten auf Guttenbergs Kokettieren mit seinem Comeback . Der Mann sei gefährlich, schrieb die FAS, und auch die Süddeutsche befiel die Panik. Der Spiegel wiederum ließ sich zu einem düsteren Fiebertraum hinreißen und nannte Karl-Theodor zu Guttenberg den »Ungeist der deutschen Politik«. Keine Lichtgestalt mehr, sondern eine Drohung – gefährlich eben.

Wie das? Warum ist Guttenberg plötzlich der Gottseibeiuns des politischen Betriebs? Was ist in den acht Monaten seit seinem Sturz geschehen, dass er selbst jenen unheimlich wird, die ihn bis zuletzt noch unheimlich gelobt haben?

Vielleicht ist es so: Wer Guttenberg heute einen gefährlichen Verführer nennt, der ahnt, dass eine politische Lage heraufziehen könnte, die den Wähler tatsächlich verführbar macht. Er ahnt, dass sich die Gesellschaft seit der Finanzkrise in einem alarmierten Schwebezustand befindet, in dem nicht Guttenberg selbst, aber einer wie er bald eine Chance bekommen könnte. Ein konservativer Charismatiker, dem die Herzen zufliegen und der ein unstillbares Verlangen befriedigt: das Verlangen nach dem Souverän, der aufräumt und durchregiert.

Guttenberg inszeniert sich als der große Weltvereinfacher

Für wen ist Guttenberg eine ideale Projektionsfigur? Er ist es gewiss für jene Agenda-2010-Verlierer, die sich bestenfalls noch vom Reality-TV repräsentiert fühlen und die die politische Klasse insgesamt für korrupt halten. Guttenberg ist attraktiv für Demokratieaussteiger und Nichtwähler, die glauben, die Macht sei überall, nur nicht im Parlament. Er ist der Hoffnungsträger für die von Merkel gedemütigten Nationalkonservativen und der Erlöser für die Antikapitalisten von rechts, die nach dem wehrhaften Staat rufen und den Götzendienst am Geld so widerlich finden, wie er ist.

Wenn nicht alles täuscht, dann zieht der Typ Guttenberg auch Menschen an, für die das Wort »Zukunft« wie eine Drohung klingt, weil es noch mehr »Freiheit« und Markt bedeutet, noch mehr Lebensangst und Ungewissheit. Und so gibt er sich ja auch. Während Angela Merkel von den Furien der Ereignisse gehetzt wird, erklärt Guttenberg seelenruhig das Große und das Ganze. Er inszeniert sich als Weltvereinfacher, als Tröster und Therapeut, der das Unverständliche verständlich macht und den Kampf aufnimmt gegen Angst und Depression.

Guttenberg, so murmelt die politische Sehnsucht, macht das Leben wieder konkret, er stiftet symbolisch Ordnung im Chaos der Geschichte. Er ist der Vorwärtsentscheider, der neue Fürst, der endlich den gordischen Knoten einer heillos komplizierten und rasend abstrakten Welt durchschlägt. So schenkt der Typ Guttenberg der Gesellschaft das lange vermisste und dringend gebrauchte Gefühl von Einfluss und Macht, die Illusion kollektiver Selbstwirksamkeit. Er schenkt ihr den Glauben, sie könne sich durch seine Person selbst regieren, und zwar gegen die Allmacht der Sachzwänge und gegen Brüssel und den Rest der Welt sowieso. Oder um es auf eine Formel zu bringen: Eine Figur wie Guttenberg füllt das beunruhigende demokratische Vakuum, das der Souveränitätsverlust des europäisierten, von den Finanzmärkten gedemütigten Nationalstaates hinterlassen hat.

In einer Situation, in der nationale Demokratien unter Druck geraten, ist also nicht die Person Guttenberg interessant, sondern ihre politische Möglichkeit, ihr Typus. Dieser Typus arbeitet mit einer unscheinbaren, gleichwohl wirkungsvollen Unterscheidung. Sie lautet: Ich bin nicht die Regel, ich bin die Ausnahme. Ich bin anders als die machtlos mächtige politische Klasse, und weil ich anders bin, bin ich einer von euch. Der Normalpolitiker, der in seiner »erschütternden Unkenntnis« nicht einmal den Lauf der internationalen Kapitalströme kennt, klammert sich an das demokratische Regelwerk wie der Ertrinkende an die Planke. Der Typus Guttenberg dagegen saugt politischen Honig aus der Suggestion, er sei Herr des Verfahrens und durchschaue die Politik bis auf ihren ewigen Grund – auf das »Politische«.

Die »bloße Politik« gegen das »tiefe Politische«, das kennt man. Seit der Kaiserzeit, seit der wilhelminischen Parlamentarismuskritik, wird diese Unterscheidung gegen die Demokratie in Stellung gebracht, und Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen sind dafür das berühmteste (und intelligenteste) Dokument. Die »Politik« gegen das »Politische« – das ist die Entgegensetzung von Geschwätz und Wahrheit, von Oberfläche und Tiefe, von blutleerem Konsens und souveräner Entscheidung, der Entscheidung aus dem Nichts. Es gibt Situationen, so heißt es dann, in denen es nicht wichtig sei, wie entschieden wird, sondern dass überhaupt entschieden wird. Nur der Handstreich verändert die Parameter des Möglichen, er schafft eine Situation, in der Politik wieder möglich ist.