DIE ZEIT: Herr Hamid, Sie sind ein pakistanischer Schriftsteller, Sie haben in New York und London gelebt und sind dann in Ihre Heimat zurückgekehrt, Sie haben einen internationalen Bestseller geschrieben, dessen Held sich zwischen dem Westen und der muslimischen Welt seelisch verirrt. Wie blicken Sie von außen auf Europa und die Euro-Krise?

Mohsin Hamid: Trotz des Geredes über ein "asiatisches Jahrhundert" habe ich mein ganzes Leben lang die relative ökonomische Kompetenz von Nordamerika sowie West- und Mitteleuropa erlebt. Und die relative Inkompetenz der politischen Führungen in Afrika, Lateinamerika und großen Teilen von Asien. Jetzt sieht man sowohl in den USA als auch in Europa die Entfaltung eines Desasters, das weitgehend selbstverschuldet zu sein scheint. Die Ära, in der man auf den Westen als Inbegriff von Leistungsfähigkeit sah, geht zu Ende. Das verändert unsere Perspektive auf die künftige Weltordnung.

ZEIT: Mit welchen Gefühlen schauen Sie dabei zu?

Hamid: Mir bedeutet das europäische Projekt etwas. Dieses alternative Modell, das da für eine Weile zu entstehen schien: den Nationalstaat hinter sich zu lassen, die Wirtschaft auf eine Weise zu organisieren, die weder rein vom Markt getrieben noch zentral geplant ist, sondern solidarisch. Das hatte beträchtliche Anziehungskraft. Dieses Projekt vielleicht nicht zerfallen zu sehen, aber doch in sehr ernsten Schwierigkeiten – das ist eine Enttäuschung.

ZEIT: Ist die Enttäuschung nur eine Folge der wirtschaftlichen und finanzpolitischen Krise?

Hamid: Für mich liegt im Zentrum des europäischen Problems der Versuch, einen neuen Nationalismus zu schaffen, etwas, das man "Kontinentalismus" nennen könnte.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Hamid: Da, wo es am überzeugendsten ist, eben bei der Überwindung des Nationalismus und der Errichtung einer sozialen Marktwirtschaft, ist das europäische Projekt überhaupt kein europäisches Projekt. Sondern ein Menschheitsprojekt, bei dem Europa die Führung übernimmt. Es könnte auch in Südasien oder Ostasien oder Lateinamerika funktionieren, es könnte in der ganzen Welt funktionieren. Aber den Bürgern in Europa wird es als die Schaffung eines neuen Staates verkauft, als eine Art Vereinigte Staaten von Europa – und dann will man dieses Gebilde irgendwie definieren, etwa in Abgrenzung zum Islam. Damit wird die Pointe des Unternehmens vollkommen verfehlt: Seine Kraft kommt aus dem Appell an eine gemeinsame Humanität und an eine zivilisierte Art, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Stattdessen ist diese Vorstellung einer muslimischen Flut entstanden, die auf Europa zukommt. Dadurch hat sich eine politische Kultur der Verteidigung des Eigenen herausgebildet – gegen Einwanderer, die eine andere Religion haben oder uns wegnehmen wollen, was uns gehört.

ZEIT: Ist dieser Wunsch nach Selbstbehauptung nicht bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich?

Hamid: Das amerikanische Projekt hat viele Schwächen, aber in einem Punkt sind die Vereinigten Staaten doch eine Erfolgsgeschichte: Das ist die Idee, diese Nation auf Werte zu bauen, die für jeden Menschen gelten und jedem Menschen zugänglich sind. Darin besteht die Ausstrahlung des amerikanischen Projekts. Es gibt keinen Grund, warum etwas Ähnliches nicht auch in Europa gelingen könnte. Natürlich muss man Fragen wie die Einwanderung dann immer noch regeln. Aber man sollte kein neues kontinentales Bewusstsein schaffen.

ZEIT: Für viele Europäer ist die Hoffnung auf einen kraftvollen Zusammenschluss, auch gegen die Außenwelt, die logische Konsequenz aus ihrer konfliktreichen Geschichte.

Hamid: Die europäische Lektion aus den beiden Weltkriegen kann doch nicht sein: Damals waren wir zu viele kleine Staaten, die gegeneinander gekämpft haben, deshalb müssen wir jetzt ein sehr großer, mächtiger Staat werden. Das wäre ein seltsamer Lernerfolg. Denn es würde ja heißen: Die Zukunft wird so ähnlich aussehen wie das 20. Jahrhundert, nur dass die Kämpfe nicht zwischen mittelgroßen Staaten in Europa ausgefochten werden, sondern zwischen erdteilgroßen, gigantischen Staaten rund um die ganze Welt. Es wäre idiotisch, eine solche Richtung einzuschlagen.