DIE ZEIT: Mr. Stipe, nach mehr als drei Jahrzehnten gaben Sie überraschend das Ende Ihrer Band R.E.M. bekannt. Wie lang ist die Halbwertszeit einer Rockband?

Michael Stipe: Uns drei überkam zur selben Zeit das Gefühl, dass die Luft raus ist. Das begann vor drei Jahren, bei unserer letzten Tournee, wo wir spürten, dass wir uns weitere Konzerte nicht vorstellen konnten und auch keine weiteren Platten mehr. Wir haben genug.

ZEIT: Ab welchem Geburtstag riskieren Rockstars ihre Würde?

Stipe: Mich beschäftigte mein anstehender Fünfzigster sehr, da zieht man Bilanz. Dabei war ich noch der Jüngste in der Band. Mir wurde bewusst, dass ich seit Teenager-Tagen Teil einer Rock-’n’-Roll-Band war, und fragte mich, wie lange ich das noch sein wollte. Dazu kam, dass unser Plattenvertrag nur noch zwei Alben vorsah und dann erfüllt war. Wir beschlossen, uns noch mal für diese zwei richtig ins Zeug zu legen und dann die Geschichte zu beenden.

ZEIT: Sind Sie nun froh, dass es vorbei ist?

Stipe: Ich kann mein Glück kaum in Worte fassen, ich fühle mich so befreit wie lange nicht mehr. Wir sind stolz darauf, diese Band zu einem würdevollen Abschluss gebracht zu haben. Unter würdevoll verstehe ich, dass das Finale zu unseren Bedingungen ablief, uns keine äußeren Umstände dazu zwangen und, was mindestens so wichtig ist, dass alle in der Band nach 32 Jahren noch Freunde sind.

ZEIT: Aber einer von Ihnen muss doch den Finger gehoben und gesagt haben: Freunde, es reicht!

Stipe: Eben nicht. Ich schwöre! Es war einfach irgendwann klar. Wenn Sie unsere Platte Collapse Into Now noch mal anschauen, werden Sie merken, das es eine geplante Abschiedsplatte ist. Zum ersten Mal in unserer Karriere ist auf dem Cover ein Porträt von R.E.M. zu sehen, und ich winke zum Abschied.

ZEIT: Funktionierten R.E.M. demokratisch? Wurde über große Entscheidungen abgestimmt?

Stipe: Es gab ein paar einfache Regeln, auf die wir uns zu Beginn verständigten und die dafür sorgten, dass wir es so lange miteinander aushielten. Wir haben die Einnahmen gerecht geteilt, und jeder hatte ein Vetorecht.

ZEIT: Also war jedes Album auch das Resultat von Debatten?

ZEIT: Über jede Platte, jeden Song wurde verhandelt. Man musste immer wieder abwägen, wie wichtig einem etwas ist, wie sehr man darum kämpfen will. Eine Rock-’n’-Roll-Band funktioniert letztlich auch nur wie eine Ehe, also mit vielen Kompromissen.

Stipe: In Ihrem Trennungsstatement schrieben Sie, die Kunst einer Party bestehe darin, sich zum richtigen Zeitpunkt zu verabschieden. Gab es erfolgreiche Bands oder Musiker, die Ihrer Meinung nach einen würdevollen Abgang verpasst haben?

Stipe: Selbstverständlich, sehr viele sogar, aber erwarten Sie keine Namen. Und legen Sie mir bitte keine in den Mund. Ich finde zum Beispiel, dass Mick Jagger und die Rolling Stones ihre Würde bewahrt haben. Dagegen hätten viele junge hippe Bands dieser Tage aus London oder New York nach einem ersten Album aufhören sollen.

ZEIT: Ruinieren Künstler, die den Absprung nicht schaffen, ihren Ruf?

Stipe: Nein. Der Moment, in dem ein Musiker dich zum ersten Mal beeindruckt, ist doch für die Ewigkeit, also unzerstörbar – egal, was er später noch macht. Vor allem wenn du jung bist, ein Teenager, und denkst, die ganze Welt habe sich gegen dich verschworen, dann ist es doch immer wieder Musik, die dir ein Gefühl von Magie und Freiheit vermittelt, die all den Dreck und Mist, der dich belastet, beiseitefegt. Lieder haben oft mein Leben gerettet. Herrliche Melodien begleiten mich immer noch durch den Alltag, ich bekomme sie nicht aus dem Kopf. Viele große Songs haben mein Leben erleuchtet. Die Rolling Stones, Patti Smith, David Bowie, U2, David Essex oder Elton John haben mir oft Katharsis, Euphorie und Ekstase geschenkt. Alles Künstler, die mir zeigten, was Musik leisten kann, und dafür bin ich ihnen ewig dankbar – egal, was die im Alter machen.