Daly hat dafür ganz praktische Vorschläge. Einige klingen heute nach dem kleinen Einmaleins der Umweltpolitik, so zum Beispiel eine ökologische Steuerreform, die endlich die wahren Kosten des Naturverbrauchs in die Preise einfließen lasse. Oder Steuern auf Rohstoffe und ein globales Handelssystem, in dem Emissionsrechte für schädliche Stoffe wie Kohlendioxid gehandelt würden.

Andere Ideen reichen weiter: Herman Daly will Arbeit reduzieren und umverteilen – auch damit die Leute ihren Wohlstand nicht für den Kauf von immer mehr Dingen, sondern für mehr Freizeit verwenden. Er will mehr öffentliches und weniger privates Eigentum. Wird mehr geteilt, so sein Gedanke, braucht jeder weniger, ergo müssten weniger Dinge produziert werden. "Das mag radikal klingen", sagt Daly selbst und fügt hinzu, dass solche Ideen weder Privatbesitz noch den Markt ausschlössen. Sie berücksichtigten nur, dass zu viel Konzentration an Reichtum dessen Legitimität untergrabe und Marktpreise, welche die Umweltkosten nicht berücksichtigten, unsinnig seien.

Postwachstumsdenken: Im Kern heißt das bei all seinen Verfechtern immer, den unökologischen Konsum zu mindern und das Weniger sozialverträglich zu organisieren. Denn nur wenn zumindest die reichen Länder weniger verbrauchten, da sind sich Daly und seine Kollegen sicher, werde die Umwelt zu retten sein. Konkret bedeutet das: Die Menschen in den reichen Ländern sollen weniger Neues kaufen und lieber das Alte länger nutzen, es reparieren, am besten selbst.

Mit Hammer und Schraubenzieher in die Zukunft? Die meisten etablierten Politiker und Ökonomen finden solche Ideen verrückt. Woher sollen der politische Wille und die ökonomische Kraft kommen, um den Bürgern das Weniger schmackhaft zu machen, gleichzeitig umzuverteilen, das Steuersystem zu ökologisieren, die öffentlichen Schulden weiter zu bezahlen und auch noch dem Süden zu helfen?

Serge Latouche, der große alte Mann der französischen Decroissance-Bewegung, reagiert auf solche Fragen inzwischen mit Verweigerung: Er lasse sich nicht Wirklichkeitsferne vorwerfen von jenen, die alle "Glaubenssätze" der klassischen Wirtschaftswissenschaft widerspruchslos hinnähmen. Latouches Gegenargument heißt Vielfalt. Er setzt auf die vielen Graswurzelbewegungen, die Konsumverweigerer, die Tauschringe, die regionalen Verkaufsinitiativen, die am Zustand der Welt leiden und deswegen schon heute versuchen, Postwachstum zu leben. Ganz nach dem Motto: Wenn die Veränderung der Praxis nur groß genug ist, werden Theorie und politische Strategie schon folgen.

Rhetorisch ist das geschickt. Und doch wissen die meisten Postwachstumsdenker, dass zwar ihre Kritik an der Wachstumswirtschaft stark ist, die Alternative aber noch detaillierter entworfen werden muss. Am schwierigsten scheint dabei der Umbau des Finanzmarktes. Der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger, einst Doktorvater des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann, hat sein Leben lang danach geforscht, wie man den enormen Wachstumsdruck mildern kann, den Kredite und Zinsen auf die Wirtschaft ausüben. Binswanger möchte ihn verringern, indem er die Geldschöpfung durch die Banken verringert. Die Möglichkeit, aus Geld wieder Geld zu machen, sei in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Der Staat kann das wieder reduzieren, indem er die Mindestreserve, die Banken für Kredite zurückhalten müssen, erhöht. Zudem will Binswanger beispielsweise Aktiengesellschaften, die auf fortwährenden Gewinn ausgerichtet sind, durch andere Unternehmensformen ersetzen: Genossenschaften oder Stiftungen, die weniger Wachstumsdynamik entfalteten.

Was all diese Ideen, wenn sie denn Wirklichkeit würden, für das System bedeuteten? Der Brite Tim Jackson , Konsumkritiker und Vordenker der Postwachstumsgesellschaft, erzählt: Nach seinen Vorträgen frage ihn regelmäßig die Hälfte der Zuhörer, warum er den Kapitalismus unangetastet lasse. Die andere Hälfte wolle wissen, warum er ihn zerstöre.

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