Das Jahr begann für ihn mit einem ohrenbetäubenden Knall. »Ich war aber so ins Gebet versunken, dass ich erst gar nicht wahrnahm, was geschehen war«, erinnert sich Priester Makar Fawzi von der Kirche der zwei Heiligen in Alexandria. Dort explodierte in der Silvesternacht kurz nach Mitternacht eine Bombe und riss 23 Menschen in den Tod. Hunderte wurden verletzt. »Erst als ich die Aufregung der Menschen spürte und die Glassplitter der zersprungenen Fensterbilder ins Kirchenschiff regneten, da tauchte ich aus dem Gebet auf.« Auf die Frage, was seine ersten Gedanken waren, muss der 63-Jährige einen Moment überlegen. Er fährt sich mit der Hand durch den langen Bart, dann öffnet sich seine Miene zu einem Lächeln: »Fürchtet euch nicht, habe ich gedacht! Und das habe ich auch den Menschen gesagt. Fürchtet euch nicht! Gott hält seine Hand über uns.«

Tatsächlich habe nach dem Anschlag eine neue Zeit begonnen. »Es gab eine Welle der Solidarität, die wir Christen in Ägypten noch nie erlebt haben.« Wäre es nur so weitergegangen! Doch es kam die Revolution und mit ihr die neue Freiheit, von der – so sehen es viele Kopten – vor allem die Islamisten profitieren. »Die Revolution war großartig. Leider wurde sie uns gestohlen «, sagt der Priester und schaut zur Tür. Eine Gruppe von Gemeindemitgliedern kommt in den kleinen Empfangssaal der Kirche geeilt. Sie wollen Vater Makar dringend sprechen. Er hält ihnen den schwarzen Holzschlüssel hin, den er in der Hand trägt, damit sie ihn küssen. Er segnet sie, indem er mit dem Schlüssel ihre Köpfe berührt.

Dieses alte Ritual wirkt bei vielen anderen Priestern heute herablassend. Vater Makar hingegen lässt es wie eine Liebkosung erscheinen. »Euch bringen bestimmt die Wahlen her?« Einer der Männer, ein Geschäftsmann im Karo-Sakko, antwortet: »Vater, was sollen wir denn machen? Die Regierung hat gesagt, wir Kopten sollen uns in der Gesellschaft engagieren und an den Wahlen beteiligen: Aber jetzt finden wir, wir sollten besser zu Hause bleiben.« Die Kirche der zwei Heiligen liegt in Miami, einem Mittelschichtviertel von Alexandria. Der Priester sagt: »Nein, geht zur Wahl. Wählt den Kandidaten der Muslimbrüder

Dass ihm diese Worte einmal über die Lippen kommen, dass er seine Gemeindemitglieder auffordern würde, in den ersten Wahlen nach dem Sturz Mubaraks ausgerechnet für die Partei der größten islamistischen Organisation Ägyptens zu stimmen, hätte er wohl auch nicht gedacht. Aber was soll man machen? Im ersten Wahlgang haben in diesem Wahlkreis Muslimbrüder und Salafisten die meisten Stimmen bekommen, und in der Stichwahl treten sie nun gegeneinander an. Für die Salafisten kandidiert Abdel Moneim al-Schahat. Er ist ein besonders Radikaler, der Tourismus und Christentum gleichermaßen aus Ägypten verbannen will. »Wir müssen alle zur Wahl gehen, damit der nicht gewinnt«, sagt Vater Makar.

Genau dieser Hass, der von Leuten wie Al Shahat gepredigt wird, habe die Saat für den Anschlag auf die Kirche gelegt . »Bis heute weiß man nicht genau, wer dafür verantwortlich war«, erklärt Hany Mikail Butros. Der Ingenieur knüpft den Interviewfaden weiter, während Vater Makar mit anderen Ratsuchenden die Wahlen diskutiert. Hinter ihm an der Wand hängt ein Plakat mit den Bildern der »Märtyrer«, so werden die Opfer des Anschlags genannt. Vermutlich sei er von einer radikalen Salafistengruppe verübt worden, sagt der 50-Jährige in der blauen Nappalederjacke. »Die alte Regierung hat ihnen freie Hand gegeben, gegen uns zu hetzen und in ihren Moscheen zum Bombenbau aufzurufen. Nie sind sie gegen sie vorgegangen, und dann haben sie noch nicht mal unsere Kirche geschützt.«