Als in den ersten Stunden des 14. Dezember 1990 das Herz von Friedrich Dürrenmatt stehen blieb, war es um Peter Rüedi geschehen.

Ein paar Tage zuvor, in der letzten Woche des Novembers 1990, hatte er fünf Nachmittage am Stück auf den Anhöhen von Neuchâtel verbracht, Chemin du Pertuis-du-Sault 76. Er war angereist, um mit dem großen Alten der Schweizer Literatur für die Schweizer Wochenzeitung Weltwoche über sein Werk zu sprechen, der 70. Geburtstag stand kurz bevor. Man war per Du, hatte am Theater immer wieder miteinander gearbeitet, gute Voraussetzungen also. Der Schriftsteller war gesundheitlich sehr angeschlagen und düsterer Stimmung. In einer Dämmerstunde hatte Dürrenmatt einen weißen Château Smith Haut Lafitte geöffnet und, mehr resigniert als verärgert, gemurmelt: »Ja, wenn man nichts anderes weiß als schreiben...« Es würde der letzte Satz sein, den sein Biograf von ihm in Erinnerung hat.

Durch den plötzlichen Tod Dürrenmatts jedoch wurde aus den Gesprächen ein umfassender Nachruf und anschließend eine Zeitungsserie. Daraufhin rief Daniel Keel an, der kürzlich verstorbene Verleger des Diogenes Verlags, und fragte, ob dieses Material nicht eine hervorragende Grundlage abgeben könne für die erste Biografie des Schweizer Schriftstellers von Weltruf. Rüedi sagte zu. Und besiegelte damit die nächsten Jahrzehnte seines Lebens. Friedrich Dürrenmatt ist Peter Rüedi, dem Germanisten, Journalisten und ehemaligen Chefdramaturgen des Schauspielhauses Zürich, zur Lebensaufgabe geworden.

Jetzt, über zwanzig Jahre später, sitzt der 67-Jährige in seiner Küche im Tessiner Dörfchen Tremona, wo er mit seiner Frau, einer Architektin und Malerin, seit vielen Jahren lebt (die beim Namen »Dürrenmatt« nur noch vielsagend die Augen rollt). An diesem sehr stillen Ort dringt es mit sonorer Stimme aus dem stattlichen Mann: »Es war und es ist nicht zu schaffen.« Erstens habe er damals nicht gewusst, wie umfangreich der Nachlass von Dürrenmatt ist (der heute im von ihm initiierten Schweizerischen Literaturarchiv in Bern aufbewahrt wird). Allein zu den Stoffen, dem späten Hauptwerk des Schriftstellers, gibt es, mit allen Verästelungen, Fassungen und Neuanfängen, 25000 Seiten – was umso erstaunlicher ist, wenn man weiß, dass der Dichter jeweils am Jahresende zusammen mit seiner Sekretärin ein kleines Feuerchen mit dem Geschriebenen veranstaltet hat, das er allen vorenthalten wollte, auch sich selbst. Und zweitens, sagt Rüedi, habe er etwas Entscheidendes erfahren müssen: »Ein Werk, ein Leben, das die Abgeschlossenheit programmatisch negiert und die Fortschrittsskepsis zum Prinzip erklärt, ist auch für den Biografen niemals abzuschließen.« Er hat gelernt, das Vorläufige zu akzeptieren. Aber das brauchte seine Zeit.

Zu diesen Schwierigkeiten gesellte sich der hohe Anspruch dieses Biografen. Er wollte nicht einfach das Leben des »letzten Expressionisten« (wie es Walter Muschg, der Germanist und Doktorvater von Rüedi, ausdrückte) von der Wiege bis zur Bahre erzählen, nein, er verwebt Werk und Vita, springt von einem ins andere, schlägt Haken, erlaubt sich Rück- und Vorblenden und Abwege. Rüedi wollte das ganze Dürrenmattmassiv ersteigen oder wenigstens den Versuch dazu unternehmen. Um seine Arbeitsweise zu rechtfertigen, hat er gleich ein Zitat zur Hand, aus dem nachgelassenen Gedicht Ergreife die Feder müde: »Löse deine Hand. // Es kommt nie auf die Sätze an. Nur das / Werk allein zählt. / Die Narren kritisieren einen Satz / Wenige sehen das Ganze.« Es ist eine Biografie geworden, die ihrem Objekt, aber auch ihrem Autor gemäß ist.

»Ich erkenne mich wieder in Dürrenmatts Art, zu denken und zu schreiben«, sagt Peter Rüedi. Das erklärt, warum es zwanzig Jahre dauern musste, warum es Zeiten des Zweifels gab und Fragen wie »Bin ich im Begriff, mich zu verlieren?«. Manchmal, sagt Rüedi, sei er sich vorgekommen wie in einem auswegslosen Labyrinth, das ihm ein anderer gebaut habe, der »alte Fritz«, wie er ihn für sich nennt. Mit Dürrenmatt und Rüedi haben sich zwei Wahlverwandte, zwei Anachronismen, zwei Unzeitgemäße getroffen. Das zeigt sich zum Beispiel im Stil. So wie Dürrenmatt, der eine abgemagerte, aber stark rhythmisierte Sprache geschrieben hat, ist auch Rüedi in seiner Art, zu schreiben und zu denken, erfrischend unmodern. Bei beiden hat sich der Stoff seine Sprache gesucht. Bei beiden wimmelt es von ellenlangen Sätzen, von Klammerbemerkungen. »Fritz musste sich immer zwingen, aus einem Satz drei Sätze zu machen«, sagt Rüedi.

Seine Dürrenmatt-Biografie bringt auch eine Wiederentdeckung des Autors mit sich. Denn Dürrenmatt, dieser infernalische Schreibtischtäter, ist praktisch vergessen, zu Unrecht natürlich. Seine Spätwerke, die Stoffe, diese einzigartige welterklärende Mischprosa, oder der teuflische Roman Durcheinandertal, haben nie die Beachtung erfahren, die ihnen gebührt, sie sind seltsam echolos geblieben. Rüedi glaubt, Dürrenmatt sei mit den Theaterstücken Der Besuch der alten Dame und Die Physiker, die seinen Weltruhm begründet haben, »den Schulbuchtod gestorben«. Er selbst habe seine »Evergreens«, wie er sie nannte, weniger geliebt als seine Misserfolge.