Mozart könnte einem die Geschichte an diesem neblig lichten Spätherbsttag in London erzählen, während die Sonne mühsam etwas Gold auf die Gesichter bringt. Man wäre so beiläufig in den St. James Park hineingeraten, wie er mit dem hinabkullernden Motiv in seine Sonate gerät, in der auch so ein Licht ist. Verhangen, aber gut geeignet, sich zu erinnern im Gespräch. Deutliche Konturen. Sehr persönlich. Vielleicht die Geschichte einer kurzen, tiefen Liebe. Manches traurig. Aber, wie er so ist, immer auch anderes auslösend, ohnehin bleibt er nie auf der Ebene der Betroffenheit. Er liebt Pointen, bleibt plötzlich stehen nach einem kurzen Lachen, zeigt auf den Boden und sagt »Buff«.

Da sind wir bei Takt 22 im ersten Satz seiner B-Dur-Sonate KV 333 . Es muss auch nicht London sein, er schrieb sie in Linz, allerdings ebenfalls im Spätherbst. In London lebt aber der Mann, der das so wunderbar spielt, und es passt sehr gut, sich dort mit Kristian Bezuidenhout über Mozart zu unterhalten, diesen metropolitan funkelnden Geist, bei dem die Gärten der Melancholie nie abgeschieden sind. Und wer Sehnsucht hat, der hat auch Ironie: In Mozarts Sonaten hat man das vielschichtig Erzählende so noch nicht gehört. Die Kunst des Hammerklavierspiels hat eine neue Qualität erreicht. Das Hammerklavier, für das Mozart schrieb, ist nach wie vor nicht gerade Mainstream, aber weitaus etablierter, als neun von zehn Rezensenten wahrhaben wollen. Reflexhaft weisen sie auf trockenen Klang, Kurzatmigkeit, mangelnde Schlagkraft hin, ehe sie die tapferen Pioniere für die Klangfarben loben. Sie sind der Realität um dreißig Jahre hinterher, denn nach Malcolm Bilson und Andreas Staier hat mit dem 1979 geborenen Kristian Bezuidenhout bereits die dritte Musikergeneration am Pianoforte die Bühne betreten, und die muss keine Bahn mehr brechen.

Vor zwei Jahren begann er, die Klaviersolomusik des Wiener Klassikers aufzunehmen, nicht alles, »nur die reifen Werke«, im Januar erscheint die dritte CD, mit der erwähnten B-Dur-Sonate. Bezuidenhout fand gleich einen eigenen Stil, einen gleichsam selbstverständlichen. Er ist nie unter Druck, im Gegenteil, er träumt in Verzögerungen und Verzierungen, lässt die Töne blühen, nimmt mitunter romantisch viel Pedal und unterschlägt doch kein Detail. Wobei er auch davon profitiert, dass das Niveau der Klavierbauer exponentiell gestiegen ist. Die Kopien, die nach den Originalen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gebaut werden, schnarren und klappern nicht mehr, als wäre man im Museum.


Bezuidenhout ist am Steinway groß geworden und bereut das nicht, er empfiehlt die modernen Flügel sogar als Basis für sichere Technik. Aber bei Mozart seien sie verheerend. »Wenn du da im Bass einen vierstimmigen Akkord spielst und nicht eine Stimme heraushebst, klingt es wie dreckiges Spülwasser«, meint er. Und wo unterschiedliche Texturen in beiden Händen einander sehr nahe kommen, was bei Mozart oft geschieht, könne man sie auf dem Steinway nur mühsam auseinanderhalten, weil dessen Klang dicht und durchschlagend konzipiert ist. Verbunden mit einer weitaus aufwendigeren Technik der Hämmer und Dämpfer. Dagegen reagiere ein Walter von 1795 »lichtschnell«. »Außerdem«, sagt Bezuidenhout, »sind die frühen Flügel parallel besaitet, nicht über Kreuz wie die, die Steinway ab den 1860ern entwickelt hat.« Weil dadurch die Farben weniger vermischt werden, »haben die Töne ihre eigene Stimme.« Das fördert die Transparenz, und die wiederum hilft dem Kontrapunktiker Mozart, den Bezuidenhout in den Sonaten für unterschätzt hält.