Es ist das alte Spiel: ein Klavier, ein Kontrabass, ein Schlagzeug, nicht mehr, nicht weniger. Ein Impuls hier, eine Reaktion dort. Equilibristik aus Mit- und Gegen-, aus Um- und Nebeneinander. Das ganze Frequenzspektrum in kommunizierenden Tönen, der Donner der Harmonien und das sanfte Perlen der Melodietöne, das bauchige Brummen der Bässe und der Schrei der Flageoletts, das Klong-Klong der Trommeln und das Sirren der Becken. Uri Caine hat dieses Spiel mit Gewichtsverschiebungen und Ladungszuständen im gleichseitigen Dreieck, mit der Spannung zwischen einer definierten Struktur und ihrer permanenten Infragestellung im Prozess der Improvisation nie vergessen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, lädt er in der utopischen Situation eines Trios gleichberechtigter Spielpartner, die bei jedem Zusammentreffen ihre Musik aus dem Nichts und ein paar kompositorischen Vorskizzen neu erstehen lassen, seine Akkus wieder auf. Wenn Caine mit dem Bassisten John Hébert und dem Schlagzeuger Ben Perowsky in den Ring steigt, dann zeigt sich in der aufsteigenden Reibungshitze das zwischenmenschliche Maß dieser Musik, ihre Wärme und Zerbrechlichkeit.

Siren, die neue CD des Uri Caine Trios, feiert das Genre des Pianotrios, im Zusammenspiel mit den seit Jahren vertrauten Gefährten zieht die Geschichte des Genres als Möglichkeit vor dem inneren Ohr vorbei: der raffinierte Drive eines James P. Johnson, die Eleganz eines Teddy Wilson, die störrische Raffinesse eines Thelonious Monk, die Verschmitztheit eines Herbie Nichols und die Cluster eines Cecil Taylor.

Uri Caine, Pianist, Arrangeur und Materialorganisator, geboren 1956 in Philadelphia, aufgewachsen in einem jüdischen Intellektuellenhaushalt. Man spricht Hebräisch, jüdische Volksmusik aus Israel, Marokko, dem Jemen unterstützt den Spracherwerb. Mit acht spielt Uri Klavier, das Übliche, die europäische, klassische Musik, mehr Disziplin als Leidenschaft, bis mit zwölf oder dreizehn der Jazz in sein Leben tritt und die Sache mit der Musik Tempo aufnimmt. Auch musikalisch lernt Caine fortan zweisprachig: tagsüber zeigt er sich als begabter Eleve und entwickelt den differenzierten Anschlag, mit dem er noch heute sein Publikum zu beeindrucken vermag, abends zieht es ihn ein paar Straßenzüge weiter, in die schwarze Welt des Jazz. Später im keine hundert Meilen nördlich gelegenen New York findet der mit vielen stilistischen Wassern vertraute Caine im Umfeld der Downtown-Szene, die in den achtziger und neunziger Jahren geprägt war von heftig experimentierenden Musikern unterschiedlichster Sozialisation, schnell Anschluss. Neben dem Klarinettisten Don Byron oder dem Trompeter Ralph Alessi, mit denen er noch heute immer wieder zusammenarbeitet, hat hier auch die Gemeinsamkeit mit Ben Perowsky ihre Wurzeln.

Doch während John Zorn sich daran versucht, mit der Proklamation einer Radical New Jewish Culture eine Identität säkularer Juden zu stiften, hält sich Caine auf Distanz. An jüdischer Kultur hatte er keinen Mangel. Fünf Jahre später veröffentlicht er Urlicht (1997), ein Album, in dem er mit einem Jazz-Ensemble mit vier Bläsern, DJ, Streichern, zwei Avantgarde-Sängern und einem jüdischen Kantor aus Marokko kompositorische Vorlagen von Gustav Mahler einem stilistischen Wirbelsturm aussetzt: Jazz meets Klezmer meets Turntablism. Symphonik meets Synagoge meets Salsa. Alles scheint zu gehen, und doch fügen sich die Teile und lassen Mahlers Musik klingen, als seien die subtile Ironie und existenzielle Gebrochenheit des aus Karrieregründen konvertierten Komponisten aus dem Wien des Fin de Siècle originär jüdischer Herkunft.

Schlag um Schlag legt Caine nach und stellt – bewusst oder nicht – sein Gespür für den großen Auftritt, für Provokation und Spektakel unter Beweis: auf den karriereorientiert konvertierten Juden Mahler folgt der Antisemit Wagner (1997), auf Wagner Schumann (2000), auf Schumann Bach (2000), später folgen Arbeiten zur Musik von Beethoven (2002) und Mozart (2006). Zielsicher wählt Caine die Namen aus dem Bereich der Klassik, die größtmögliche Aufmerksamkeit versprechen, und gleichzeitig entfernt er sich in den Mitteln, mit denen er arbeitet, immer wieder auch aus dem Hoheitsbereich des Jazz: Caines Goldberg Variations (2000) zeigen in praller Deutlichkeit sowohl die weite Palette und die musikalischen Stärken als auch die Grenzen dieser Arbeitsweise: Während Bach in seinen 32 Varianten einer Harmoniefolge einen Bogen von der Kirche bis zum Trinklied schlug, bringt es Caines Doppelalbum auf 70 Variationen, von der textgetreuen Exposition der zugrunde liegenden Aria auf einem barocken Silbermann-Flügel über Tanzversionen als Walzer, Mambo oder Drum & Bass bis hin zu rein elektronischen oder frei improvisierten Varianten. In der Überfülle der Ideen und Bearbeitungen entwerten sich die harten Kontraste, und die Schlüssigkeit der Folge der Variationen geht verloren.

Doch nun kehrt Caine nach all den Musik-über-Musik-Projekten wieder einmal zum Klaviertrio zurück, und man meint förmlich zu spüren, wie er in dieser Situation wächst. Wie er sich schon im Auftakt des Albums in einem vertrackten Groove wiegt, über den er anschließend eine Schicht aus merkwürdigen Harmonien zu legen scheint, bis er wie auf ein geheimes Zeichen im Unisono mit Hébert und Perowsky wieder in den Groove fällt. Auch hier im intimen Format breitet sich ein Panorama von musikalischen Möglichkeiten aus, eine Ballade in offenem Tempo, swingende Momente, die in ein Gewitter aus Harmonien münden und anschließend umso reiner weiter swingen, ein paar Bluesfloskeln, und irgendwann pellt sich ein Standard aus der Musik, bevor sich seine Struktur im Dreiecksspiel verflüchtigt. Entstehen und Vergehen: Der Schleier aus Ambition und Konzept, aus virtuoser Eloquenz und stilistischer Fingerfertigkeit, der über den Konzeptmusiken liegt, löst sich in Leichtigkeit und Transparenz. Zum Vorschein kommt eine mitreißende Musik voller Spannung und Spielfreude. Manchmal sind die alten Spiele eben doch die allerbesten.

Uri Caine Trio: Siren (Winter & Winter)