Johnny, Iggy und Rufus konnten leider nicht kommen. Aber Dani, Vanessa und Mélanie sind dabei. Sowie natürlich – einen Sonderapplaus, bitte! – Jane, die Frau , mit der er vor mehr als 40 Jahren seinen ersten und einzigen Welthit eingesungen hat, Je t’aime... moi non plus . Es heißt, die Aufnahmekabine sei so groß wie eine Telefonzelle gewesen, was im Folgenden für Spekulationen gesorgt hat, ob es sich bei der Nummer wirklich um Kunst handelt oder nicht doch eher um ein Dokument echter, unsublimierter Leidenschaft. Ganz so schwül geht es an diesem Abend nicht zu. Glamour indes hat sie, die Sache.

Allein der Ort! Im Casino de Paris, einem sagenhaft plüschigen Revuetempel zu Füßen des Montmartre, sind die ganz Großen aufgetreten, Josephine Baker und Zizi Jeanmaire, Chansonniers wie Maurice Chevalier oder eben er selbst, der fabulöse Serge, das unbestritten größte Enfant terrible der französischen Nachkriegsära. Dass jetzt an seiner Stelle ein junger, etwas schüchtern wirkender Mann namens Lulu dort oben steht und durch ein von eigener Hand arrangiertes Gainsbourg-Programm führt, ist allenfalls für Außenstehende befremdlich. Sosehr Lulu sich habituell von Serge unterscheiden mag, er hat den unzähligen Gainsbourg-Interpreten etwas voraus: Er ist sein Sohn.

From Gainsbourg to Lulu, nicht etwa umgekehrt, heißt das Album, das an diesem Novemberabend vor erlesenem Publikum live aufgeführt wird – ein Titel, der bereits die Richtung vorgibt, in der hier gedacht wird: vom Stammvater zum Stammhalter. Gainsbourg ist Gainsbourg ist Gainsbourg, wen kümmert’s da, dass Johnny Depp, der unter Lulus Regie eines seiner Lieder eingesungen hat, verhindert ist, genau wie Iggy Pop und der ohnehin ubiquitär gewordene Rufus Wainwright? Serge war ein Freund der Frauen, und die sind alle versammelt: Dani, für die er einen Schlager-Grand-Prix-Song schrieb, Vanessa Paradis, mit der er diverse Lolita-Experimente an den Start brachte, sowie – bitte noch einmal einen Riesenapplaus! – Jane Birkin, Frau, Freundin, Muse und vieles mehr.

Es ist eine Familienfeier, die hier in aller Öffentlichkeit zelebriert wird, hochkarätig besetzt und dramaturgisch geschickt in Szene gesetzt. Kaum hat Mélanie Thierry, Frankreichs jüngster Hollywood-Export, Ne dis rien angestimmt, beginnen auch schon die Augen zu glänzen, und als sich zum Höhepunkt der Gala Jane mit Lulu ein Duett liefert, ist es, als kämen Vater, Sohn und heiliger Geist im Hauch ihrer Stimmen zusammen. Danach kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr, zu La Javanaise, Serges Ode an einen Tanz, der niemals enden möge, braucht Lulu am Klavier nur noch die Akkorde anzuschlagen, den Text übernimmt das Auditorium. Doch auch wer kein Wort von dem versteht, was da andächtig gemurmelt wird, begreift spätestens beim rauschenden Finale, worum es geht: Serge darf nicht tot sein. Jede Generation erweckt ihn auf neue Weise zum Leben.

Le culte Gainsbourg – seit das Herz des Begründers im März des Jahres 1991 an jenem großen Zuviel versagte, das sein Leben war, hat er sich immer wieder Formen und Wege gesucht. Jeder Pariser Taxifahrer unterhält den Fahrgast bereitwillig mit einer Gainsbourg-Anekdote, jeder Chanson-Novize muss auf dem Weg nach oben durch seinen weitverzweigten Kanon hindurch, und dass pünktlich zum 40. Jahrestag des allgemein als Geniestreich gehandelten Konzeptalbums Histoire de Melody Nelson eine großformatige Prachtausgabe erscheint – Fotobuch, Erinnerungsbeigaben und Making-of-DVD inbegriffen –, ist eine Ehrung, deren Anlass überflüssig gewesen wäre. Wozu Jubiläen, wo es doch immer was zu feiern gibt? Serge Gainsbourg ist in Frankreich so präsent, dass keiner zu sagen vermag, ob er gerade ein Revival erlebt oder niemals weg war.

Dabei dachten seine Zeitgenossen weit weniger gnädig über ihn. Der Mann, »der aussah wie eine elegante Schildkröte, die man mit einem obszönen, kettenrauchenden Wolf gekreuzt hat« (Sylvie Simmons in ihrer lesenswerten Biografie), war zwei von den drei Jahrzehnten seines Wirkens ein gefürchteter Provokateur und Windmacher. Besonders wenn Gainsbarre, sein Zwilling mit den schlechten Manieren, aus ihm hervortrat, drohte alles auf eine Weise aus dem Ruder zu laufen, die niemand vorhersehen konnte, was wiederum zu Äußerungen führte, an die sich ihr Urheber im Nachhinein nicht mehr erinnern konnte, ohne sie deswegen zu bereuen. Ein Stück Medienfolklore die Szene, in der er Whitney Houston vor laufender Kamera von der Notwendigkeit eines gemeinsamen Beischlafs zu überzeugen suchte. Im Netz, das bekanntlich nichts vergisst, ist sie im Wortlaut erhalten.