Johann Sebastian Bach auf einem Gemälde von Elias Gottlieb Haussmann, 1746 © Hulton Archive/Getty Images

Das Protokoll der Leipziger Ratssitzung vom 9. April 1723, in der die Nachfolge des verstorbenen Thomaskantors Johann Kuhnau diskutiert wurde, zitiert den Appellationsrat Abraham Christoph Plaz mit dem Satz, »da man nun die besten nicht bekommen könne, müsse man mittlere nehmen«.

Dass der arme Mann, wie gern kolportiert, zu den »Mittleren« auch Johann Sebastian Bach zählte, ist ziemlich sicher falsch. Doch klar ist, dass Bach für die Leipziger ernsthaft erst infrage kam, nachdem die Kollegen Telemann und Graupner abgelehnt hatten. Der hochfürstliche Kapellmeister zu Köthen war zweite Wahl, was einen beim Hören der fantastischen Neuaufnahme seiner Orchestersuiten durch das Freiburger Barockorchester dann doch amüsiert. Denn allein die vier, wie Bach selbst sie nannte, Ouvertüren reichen aus, um klarzumachen, wie sehr dieser Mann in einer eigenen Liga spielte. Sie sind nicht nur Endpunkt der von Lully begründeten Gattung Orchestersuite, sondern auch ihr Höhepunkt. Die zahllosen Suiten eines Telemann, Graupner oder Fasch – auch ihn zog Leipzig in die enge Wahl – ändern daran wenig, so gut einige von ihnen auch immer sein mögen.

Umso verblüffender, wie wenig wir über Bachs Ouvertüren wissen. Autografe fehlen, die Datierung ist ein detektivisches Puzzlespiel voller Hypothesen und offener Fragen. Wie oft bei Bach sind die Suiten in ihrer überlieferten Form das Resultat von Umarbeitungen, teilweise offenbar in größter Eile geschaffen, doch immer mit einem Ergebnis, das alles Vergleichbare überragt.

Wie großartig diese Musik ist, war seit Längerem nicht mehr so schön zu erleben wie jetzt in der Neuaufnahme der Freiburger. Mit seidigem Streicherklang und perfekten Bläsern (auch Trompeten!), zugleich wunderbar knackig, swingend und entspannt, wird da musiziert. Die Tempi sind zügig, doch nie überzogen, und wohl auch deshalb ist das Fagott-Solo in der Bourrée der D-Dur-Suite 1069 einmal kein mühseliges Geknurpsel, klingen die Registerwechsel der Streicher in den Menuetten so zauberhaft.

Unterhaltungsmusik ist das, und es macht einfach nur Spaß, sie zu hören. Aber auf welchem intellektuellen Niveau wurde man seinerzeit im Leipziger Café Zimmermann von Bach und seinem Collegium musicum unterhalten! Und wird es heute vom Freiburger Barockorchester.

J. S. Bach: Ouvertüren Freiburger Barockorchester (harmonia mundi)