Die neue Sibelius Edition des schwedischen Labels BIS ist illustriert mit typischer finnischer Landschaftsfotografie: stiller See in der Dämmerung, zwei Schwäne fliegen Kür, im Hintergrund Nadelwälder. Auf dieses Idyll fällt der Blick gern. Aber es ist eine alte Assoziationsfalle. Sibelius, der große Fremde aus dem Land der Seen und Mücken, der endlosen Wälder, Einsamkeitsorgien und Weltabgeschiedenheit: Dieses Klischee hat sich verselbstständigt und schiebt sich stets wie eine virtuelle Kulisse vor unser geistiges Auge, wenn wir Musik von Sibelius hören. Hat er denn nicht so komponiert, dass man die Landschaft automatisch mithören soll? Hat er dem Land zwischen Helsinki und Inari nicht zahllose Oden gesungen? Hat er mit Finlandia nicht das musikalische Nationalheiligtum schlechthin komponiert? Anders gefragt: Lässt sich Sibelius überhaupt ohne geografische Zuordnung hören?

Wer sich beim Hören von 80 Stunden Musik diesen synästhetischen Reflex abzutrainieren versucht, der merkt: Es funktioniert. Die Mythologie des Kalevala etwa, des finnischen Nationalepos, geistert zwar wie ein lebhaftes Gespenst durch Sibelius’ Welt, von der frühen Kullervo-Symphonie bis zum legendären Schwan von Tuonela, Werken aus Sibelius’ nationalbewusster früher Zeit; doch die Weite der Räume, die Sibelius mitunter komponiert, sind mitnichten typisch finnisch. Die lang gestreckten Ostinato-Prozesse in den Symphonien weisen ein individuelles Profil zwischen Bruckner und Minimal Music auf; die harmonischen Kurven, selbst wenn sie tonal verlaufen, sind bisweilen so singulär, dass man sie irgendwohin verorten könnte, nicht unbedingt nach Nordosteuropa. Als hingebungsvoller Melodiker klingt Sibelius nicht eremitenhaft, sondern weltmännisch. Vor allem gibt es ein erkleckliches Korpus freier Werke, von der Pièce humoristique op. 99 bis zum Nocturno op. 24 . Ohnedies steht Sibelius Schulter an Schulter zur Geisteswelt Mitteleuropas: Shakespeare huldigt er mit einer Version von The Tempest , Maeterlinck mit einem Pelléas et Mélisande.

Unschätzbarer Vorteil und mehr als nur Lokalkolorit ist es, dass an dieser Edition etliche finnische Künstler beteiligt sind. Hört man etwa jene Kullervo-Symphonie mit ihrer holzschnitthaften vokalen Prosa, wird man die fabelhafte Diktion eines professionellen Männerchors schätzen lernen; von der idiomatischen Kompetenz, die in den Liedern benötigt wird, zu schweigen. Hier erlebt man vitale Tradition, die so dicht nur in einem Land vererbt werden kann, das über eine einzige Musikhochschule verfügt (die Sibelius’ Namen trägt). Man sollte sich hüten, von einem Amateurstatus auch nur zu denken: Das Lahti Symphony Orchestra unter Osmo Vänskä etwa ist ein hinreißendes Ensemble. Dass unter den Künstlern Schweden sind (so die famose Anne Sofie von Otter), ist keine Trübung der Authentizität, sondern deren Voraussetzung. Sibelius war polyglott und ein Wandler zwischen den Welten; zahllose Vokalwerke tragen schwedischen Text.

Die 13 Boxen enthalten also die klingende Vita eines Meisters, der nicht verschrobener war als seine Zeitgenossen Gustav Mahler oder Ralph Vaughan Williams. Mit der jüngsten Folge betritt man Sibelius’ Werkstatt. Sie gilt den Skizzen, Entwürfen, Frühfassungen, und sie ist das vielleicht erregendste Dokument der Edition (deren erste Aufnahme der Karelia-Ouvertüre bereits von 1982 stammt und aus den BIS-Archiven aktualisiert wurde). Hört man diese Torsi, die zum Teil nur Sekunden dauern oder schüttere Einzelstimmen bieten, fühlt man sich wie in einem tönenden Beinhaus. Eher ist es aber ein Wartesaal unerlöster Seelen. Die Studien für ein Glockengeläut der Kirche im Helsinkier Stadtteil Kallio wirken wie zarte Stimmen, die aus einem mystischen Turm zu uns dringen; das Melodram zur Kleinen Meerjungfrau für Sprecher und Streichquartett hat etwas anrührend Poröses; und eine eisig trauernde Klavierskizze zur Kullervo-Symphonie findet sich gar als Beigabe eines Briefes an Aino Järnefelt, Sibelius’ spätere Gemahlin. Auch einige Orgelwerke machen Eindruck, und man muss für die Feststellung kein absolutes Gehör besitzen, dass sie von Fassung zu Fassung die Tonarten wechseln wie der Komponist seine Zigarrenmarken.

Soeben geisterte eine Meldung durch die Welt, dass Skizzen zu Sibelius’ nie komponierter 8. Symphonie aufgetaucht seien; sie sollen der Edition nachträglich beigefügt werden. Ein Jammer und zugleich ein Geschenk: Auch diese Sibelius Edition darf nur als vorläufig gelten. Und doch ist sie einzigartig rund.

"The Sibelius Edition". Diverse Interpreten (BIS Records/Klassik Center Kassel, 13 CDs)