DIE ZEIT: Frau Ostermann, Sie sind Geschäftsführerin des Lebensmittel-Großhändlers Rullko und führen den Verband Die Jungen Unternehmer, aber wenn Sie öffentlich auftreten, reden Sie wie eine Funktionärin alter Schule.

Marie-Christine Ostermann: Echt? Das finde ich nicht. Und das finden auch viele Leute nicht, die mir nach Medienauftritten Feedback geben. Die sagen zum Beispiel, wie gut sie es finden, dass ich Klartext rede.

ZEIT: Sie sprechen von »ordoliberalen Blaupausen« und beklagen »eine Systemkrise des öffentlich-rechtlichen Rahmens« des Kapitalismus . Muss eine 33-Jährige so alt daherkommen?

Ostermann: Diese beiden Formulierungen, die aus einer Rede von mir stammen, mögen vielleicht etwas abstrakt erscheinen. Aber das sind ja nicht die einzigen Sachen, die ich in den vergangenen zwei Jahren gesagt habe. Im Übrigen: Wenn ich mich zu komplexen wirtschaftspolitischen Themen äußere, wie zum Beispiel zur Euro- und Schuldenkrise , muss ich auch eine angemessene Sprache verwenden. Jugendlichkeit kann da nicht der alleinige Maßstab sein.

ZEIT: Wenn Sie in Talkshows auftreten, sind Sie meist die Jüngste und manchmal auch die einzige Frau. Kann es sein, dass Sie in die Sprache der alten Männer verfallen, um nicht wie das kleine Mädchen zu wirken, das auch mal was sagen will?

Ostermann: Nein, solche Gedanken mache ich mir nicht. Aber natürlich kann es schon sein, dass die Talkrunde bestimmte Begriffe benutzt, weil den Zuschauern diese Begriffe besonders geläufig sind und auch immer schon so über Wirtschaft diskutiert wurde.

ZEIT: Schreckt nicht genau das junge Menschen ab?

Ostermann: Das mag manchmal so sein. Ich selbst war anfangs in diesen Runden allerdings auch ziemlich aufgeregt. Wenn ich mir hinterher einen Auftritt noch mal angeschaut habe, dann habe ich bemerkt, dass ich ein wenig anders gesprochen habe als sonst. Ich kann das nicht genau erklären, aber vielleicht sucht man in solchen Situationen auch nach altbekannten Formulierungen, weil sie einem Halt bieten.

ZEIT: Hatten Sie Angst?

Ostermann: Nein. Aber ganz schön Respekt.

ZEIT: Wie reagieren Ihre gleichaltrigen Freunde, wenn Sie diese altbekannten Formulierungen benutzen?

Ostermann: Manchmal, wenn ich mit meinen Freunden beim Sport bin und wir über die Arbeit reden, dann kann es schon sein, dass einer sagt: »Stopp, was sagst du gerade? Das versteh ich nicht.« Aber es kommt nicht so häufig vor, dass meine Freunde stutzen. Oft höre ich: »Hey, das ist genau richtig. Du sprichst mir aus der Seele.« Das freut mich natürlich.

ZEIT: Nervt es Sie, dass es in jedem Zeitungsartikel über Sie heißt, sie seien blond und zierlich?

Ostermann: Nein. Das ist nun mal so. Ich könnte mir die Haare ja auch anders färben, aber ich mag mich so, wie ich bin.

ZEIT: Wonach fragt man Sie öfter: nach den Vorteilen als junge Frau in der männerdominierten Wirtschaftswelt – oder nach den Nachteilen?

Ostermann: Nach den Vorteilen.

ZEIT: Welche Frage nervt Sie mehr?

Ostermann: Beide Fragen nerven. Geschlecht, Alter, Herkunft und so weiter sollten komplett irrelevant sein. Eigentlich kommt es doch darauf an, was ein Mensch kann und wie er mit anderen umgeht.

ZEIT: Eigentlich.

Ostermann: Ja. Deswegen nervt auch beides. Ich bin seit zwei Jahren viel mit Politikern und Journalisten im Gespräch und sitze bei Podiumsdiskussionen. Da sage ich, was ich denke – und ich tue das durchaus energisch. Viele sind dann überrascht, vielleicht gerade weil ich aussehe, wie ich aussehe. Ich denke, ich habe das Energische von meinem Vater. Er kann sehr deutlich sein. Aber dann lacht er im nächsten Moment schon wieder.