ZEIT: Haben Sie Ihre Jugendlichkeit schon mal bewusst eingesetzt?

Ostermann: Das eher nicht. Allerdings ist mir klar, dass Leute mich teilweise unterschätzt haben.

ZEIT: Sie führen gemeinsam mit Ihrem Vater das Familienunternehmen. Mussten Sie sich den Respekt der Angestellten erkämpfen?

Ostermann: Als ich mit 27 Jahren bei Rullko anfing, sagte der damalige Einkaufsleiter, mit dem ich mich super verstanden habe, so halb im Spaß: "Jetzt krempeln Sie mir aber nicht gleich den ganzen Laden um." Ich bin also behutsam vorgegangen und habe bei den Mitarbeitern um Vertrauen geworben. Ich bin in jede Abteilung hier im Unternehmen, habe wie alle anderen Kartons geschleppt, bin Gabelstapler gefahren und habe auch im Tiefkühlhaus gearbeitet.

ZEIT: Gibt es Dinge, die Sie bewusst anders machen als Ihr Vater?

Ostermann: Ich bin in der Sache sicher genauso konsequent, aber anders in meiner Art. Ich diskutiere mehr mit den Leuten, bin offener und gehe auch mehr durchs Unternehmen. Er zieht sich jetzt langsam zurück. Er ist nach wie vor wichtig, aber ich bin die Zukunft.

ZEIT: Wie reagieren ältere Mitarbeiter auf eine junge Chefin?

Ostermann: Das ist für die nicht immer einfach. Auf einer Weihnachtsfeier sagte mir mal einer: "Als du noch im Sandkasten gespielt hast, da war ich schon hier. Und jetzt willst du mir erklären, wie das zu laufen hat." Es war gut, dass es mal ausgesprochen wurde. Ich habe eine Nacht drüber geschlafen und dann noch mal mit dem Mitarbeiter gesprochen. Ich habe ihm gesagt, dass es nicht okay ist, wenn er mich duzt. Und dass er respektieren muss, dass ich jetzt seine Chefin bin.

ZEIT: Mussten Sie lernen, sich bewusst als Chefin zu verhalten?

Ostermann: Oh ja. Ich war nicht die geborene Chefin, sondern als Teenager eher introvertiert und schüchtern. Als Chef müssen Sie natürlich aus sich herausgehen, repräsentieren. Die Leute schauen in jeder Sekunde auf Sie.

ZEIT: Sie waren also früher nicht die Klassensprecherin?

Ostermann: Nein, überhaupt nicht. Auch an der Uni habe ich nicht versucht, mich in den Vordergrund zu drängen.

ZEIT: Ist es Ihnen schwergefallen, öffentlich zu reden?

Ostermann: Ja, ich hatte damals nicht so viel Lust dazu – das muss ich ganz ehrlich sagen. Wenn es die Möglichkeit gab, sich davor zu drücken, habe ich das versucht.

ZEIT: Haben Sie damals schon daran gedacht, das Unternehmen zu übernehmen?

Ostermann: Ich hatte immer ein Rieseninteresse daran. Meine Eltern haben mich allerdings nie in diese Richtung gepusht. Vielleicht war es gerade deshalb so spannend für mich, weil dieser Druck nicht da war.

ZEIT: Sie wollten sich lieber selbst pushen?

Ostermann: Ich wusste, wenn ich diese Firma leiten möchte, muss ich mehr aus mir rauskommen. Ich habe mich langsam dorthin entwickelt. Zum Beispiel habe ich erst mal zwei Jahre bei einer Bank gearbeitet, um zu lernen, wie es ist, Kunden zu betreuen.

ZEIT: Wann mussten Sie das erste Mal jemanden entlassen?

Ostermann: Das war während meiner Zeit als Trainee bei Aldi. Eine Entlassung ist immer hart, und es tat mir auch leid. Aber es gibt nun mal gewisse Regeln, die der Mitarbeiter damals verletzt hatte. Ich sage mir in solchen Situationen: Ich habe Verantwortung für das gesamte Unternehmen, und es ist wichtig, dass die Firma langfristig erfolgreich ist. Dazu gehört das richtige Team, und man muss sich dann auch mal von jemandem trennen.

ZEIT: Wie haben Sie Ihre Zeit bei Aldi erlebt?

Ostermann: Es herrscht dort schon ein rauer Ton, keine Frage. Man muss hart arbeiten und wird schnell ins kalte Wasser geworfen. Als ich Filialleiterin wurde, haben die mich ein paar Tage eingearbeitet, und dann musste ich den Laden allein schmeißen.

ZEIT: Was ist daran schwer?

Ostermann: Es fängt damit an, dass man jeden Tag bestellen muss. Da überlegt man zum Beispiel: Wie viel Milch brauche ich? Ich habe mich am Anfang öfter mal vertan, es war entweder zu viel oder zu wenig da. Das war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Heute bin ich froh, dass ich weiß, wie das ist, weil unsere Einkäufer natürlich vor ähnlichen Problemen stehen. Aldi ist auf jeden Fall eine gute Schule.

ZEIT: War es angenehm, dass Sie dort keiner kannte?

Ostermann: Ich hatte bei Aldi die Funktion einer Bereichsleiterin und war dort eine unter vielen. Das war gut für mich. Wenn ich mal einen Fehler gemacht habe, hat nicht gleich jeder gesagt: "Mein Gott, die Tochter vom Chef hat’s nicht hingekriegt."