Vor mir liegt der Brief eines erzürnten Lesers, der sein ZEIT- Abo kündigt: "Anbei das Guttenberg-Interview ungelesen zurück." So wie er haben viele geschrieben und über das Blatt als "Steigbügelhalter", "Werbefläche" oder "Rettungsschirm" für den Gefallenen geschimpft. Die Länge des Textes und die Opulenz der Aufmachung mögen diesen Eindruck nähren, aber wer das Interview trotz aller Verärgerung sine ira et studio liest, wird zum gegenteiligen Schluss kommen. In diesem Zeitdokument entlarvt und demontiert sich der einstige Liebling der Nation gründlicher, als es all seine Feinde tun könnten.

Lassen wir das Plagiat. Es ist bekanntlich nie die Sünde – siehe Richard Nixon und Watergate –, die zum Verhängnis wird, sondern das Leugnen. Halten wir Guttenberg zugute, dass niemand sich gern in den Staub wirft, aber hier wird die Selbstentlastung zur Selbstbezichtigung. Das Plädoyer zeigt einen Menschen, der sich selber die Eignung zum Politiker abspricht, indem er sein Verhalten als "plump und dumm" verklärt, der behauptet, dem Druck der "Doppelbelastung" nicht gewachsen und so "überfordert" gewesen zu sein, dass er nicht wusste, was er tat. Im Leben der Menschen gibt es für Unzurechnungsfähigkeit mildernde Umstände; in der Politik, die an erster Stelle Verantwortung und Umsicht heischt, gerät solche Verteidigung zur Selbstdisqualifizierung. Wenn schon "Blackout", wie bei Helmut Kohl, dann darf die Umnachtung nur sehr kurz sein, nicht jahrelang andauern.

Politik hat aber auch mit Urteilskraft zu tun. Hier enthüllt Guttenberg ebenfalls ein beklemmendes Defizit . Er geißelt seine CSU, dazu die gesamte Politikerkaste – und zwischen den Zeilen bietet sich der Erwischte als Erlöser an, der eine eigene Partei gründen könnte. So schafft man sich keine Helfer in einem Milieu, das zwischen ihm und dem Wiederaufstieg steht. Der Spiegel spricht gar von "Größenwahn".

Was hätte "KT" stattdessen tun können? Ein Elder Statesman aus Amerika hatte ihn richtig beraten: drei Jahre Exil – Demut, Reue, Buße. Der Ratschlag ist uralt, nachzulesen in Lukas 15. Der verlorene Sohn verrät seine Familie, verprasst sein Erbe und leidet bittere Not, bis er geläutert zum Vater zurückkehrt, der ihm ein prächtiges Fest bereitet: "Er war verloren, jetzt hat er zurückgefunden." Guttenberg aber hat das Ritual nicht verstanden. Hybris? Vielleicht. Auf jeden Fall ein weiteres Indiz für ein Minus an Weitsicht, das durch die abgelegte Brille nicht erklärt werden kann.

Einen mildernden Umstand soll der Politiker dennoch bekommen. Wer in so jungen Jahren gleich zweimal Minister wird, dann vom Wahlvolk als Rockstar bejubelt wird, der hat keine Zeit, Urteil und Augenmaß zu schärfen. Im Rückblick zeigt sich das Manko an seinem opportunistischen Verhalten in der Opel-Rettung, der Kundus- und der Gorch Fock- Affäre. Mögen wir also die geschmähte "Ochsentour" fortan etwas gnädiger bewerten.

"KT" ist wohl nicht nur "vorerst" gescheitert. Aber darf man ihn nicht zu Wort kommen lassen? Dieser Mann hat eine ganze Nation berauscht. Sie sollte ihn nicht ungelesen weglegen, ganz gleich, wie gerecht der Zorn.