Im Sommer hat Andrew Yang noch keine Ahnung, gegen wen er antreten wird. Ihm steht auch nicht der Sinn danach, Gedanken an irgendwelche Konkurrenten zu verschwenden. Der Wind pfeift um sein Atelier. Durch die hohen Glasfenster im sechsten Stock kann Yang sehen, wie die Nachbarn Türen und Fenster mit Sperrholzplatten sichern und die Stadt verlassen. Es ist Ende August im New Yorker Stadtteil Queens, und Hurrikan Irene versetzt alle in Angst und Schrecken .

Yang ist gerade mal 26, und das Pariser Luxuskaufhaus Galeries Lafayette hat ihn für die Weihnachtsdekoration der Schaufenster engagiert. Doch nun sind alle Freunde, die ihm in der heißen Phase zur Hand gehen wollten, vor Irene geflohen. Und Yangs Agent rät dazu, ihrem Beispiel zu folgen.

"Les Vitrines de Noël" , wie zauberhaft das schon klingt. Der schmale junge Mann mit dem dunklen Pferdeschwanz lächelt scheu. Es ist Ende November in Paris. Andrew Yang steht vor den Weihnachts-Schaufenstern von Lafayette; und nicht ohne Stolz erzählt er die Geschichte seines Werkes.

Mehr als 200 Puppen soll Yang liefern, 61 so groß wie erwachsene Menschen

Es war sein bisher größter Auftrag: Seit fast 100 Jahren locken das berühmte Kaufhaus am Boulevard Haussmann und das benachbarte Printemps vor dem Fest mit ihren Schaufenstern ein Millionenpublikum an. Und jedes Mal entbrennt dabei zwischen ihnen ein Wettstreit. In diesem Jahr hat Printemps Chanel als Partner gewonnen. Der Chefdesigner Karl Lagerfeld höchstpersönlich zeichnet für die Weihnachts-Schaufenster verantwortlich. Zum Glück, sagt Yang, habe er das erst eine Woche vor der feierlichen Enthüllung der Auslagen erfahren. "Das hätte mich sonst schon ein bisschen unter Druck gesetzt."

Verglichen mit Lagerfeld, steht Yang noch am Anfang, als sich Lafayette im Januar 2011 bei ihm meldet. Vor neun Jahren ist er aus Salt Lake City nach New York gekommen, um Modedesign zu studieren. Er fand es wenig inspirierend, jedes Jahr einen ähnlichen Rock wie in der vorherigen Saison zu kreieren. Deshalb begann er lieber, Stoffpuppen zu nähen: knapp 70 Zentimeter große Unikate mit Echthaar, handbemalten Gesichtern und Kleidern, die auf jedem Laufsteg Furore machen könnten. "Kouklitas" taufte er sie, nach dem griechischen Wort koukla für Puppe. Die Vogue berichtete darüber. Das New Yorker Luxuskaufhaus Barneys nahm sie in den Verkauf, das Stück ab 1.350 Dollar aufwärts.

So wird auch Lafayette auf ihn aufmerksam und engagiert ihn Anfang des Jahres vom Fleck weg. Mehr als 200 Puppen soll Yang liefern: 61 so groß wie erwachsene Menschen, 157 in Marionettengröße. Mit ihnen sollen die Schaufenster bespielt werden – und zwar passend zum diesjährigen Weihnachtsmotto des Luxuskaufhauses: Rock ’n’ Mode. Eine Verbindung aus Rock ’n’ Roll und Mode. Weihnachtliche Motive sucht man in den Schaufenstern von Lafayette und Printemps vergeblich. Drinnen, ja, da darf es glitzern und glimmern. Aber draußen? Zu banal. Das kann ja jeder.

Auch bei Printemps steht das Weihnachtsthema schon zu Jahresbeginn fest. Évasion, Flucht. Eine Flucht im positiven Sinn natürlich – so, wie wenn man sich aus dem Alltag in Träumereien flüchtet. Nach kurzer Bedenkzeit gibt Lagerfeld im Januar sein Okay. Dann, so erzählt Printemps-Artdirector Franck Banchet die Geschichte, sei das Team des Designers in den Fundus ehemaliger Collections Croisière gestiegen. Mit diesen Modenschauen geht Chanel seit Jahren auf Reisen um die Welt, der Laufsteg wird stets passend zum Land dekoriert. Was liegt da näher, als die schon vorhandenen Utensilien aus elf Destinationen einzusammeln und mit ihnen in den Schaufenstern eine Reise um den Erdball zu gestalten? Das Miniaturflugzeug mit dem Chanel-Logo stammt von der Schau 2007 am Flughafen von Los Angeles, die Surfboards sind aus Biarritz. Der Kopf der Freiheitsstatue symbolisiert New York, eine Krone nebst Gitarren das königliche, aber zugleich rockige London, ein roter Drache Shanghai... Dazu ein paar kostbare Roben und Taschen und die typischen Symbole für das Modehaus Chanel – etwa die goldenen Kamelien, die das Fenster für Byzanz (Istanbul) schmücken sollen, oder der venezianische Löwe als Reminiszenz an das Sternzeichen von Coco Chanel .

Andrew Yang beginnt im April zu Hause in Queens, an seinen Puppen zu arbeiten. Im August liegen sie in seinem Atelier, die meisten von ihnen noch nackt. Als Irene jeden Tag bedrohlicher an den Fenstern rüttelt, packt Yang schließlich doch die Koffer und bucht einen Flug nach Paris. Die Puppen gibt er bei FedEx auf. Lafayette stellt ihm am Firmensitz in der Nähe des Bahnhofs Saint-Lazare ein kleines Ausweichquartier zur Verfügung. Hier nimmt sie Gestalt an, die Geschichte der Frauen-Rockband "Kouklistars", die auf Tournee geht. Jedes der zehn Schaufenster soll eine Etappe erzählen – die erwartungsfrohen Fans, die Reise der Stars im Tourbus, ihr Besuch bei Friseur und Maskenbildner, ihre Fototermine, der Aufbau der Bühne und schließlich das spektakuläre Konzert, bei dem die Fans völlig ausflippen. Yang näht eine Puppe, die einer guten Freundin ähnelt, der Stylistin von Lady Gaga. Die fünf Bandmitglieder kleidet er in eng anliegende Catsuits, die über und über mit Swarovski-Steinen bestickt sind. Der Tourmanager trägt Jeans und Ringelpulli und kommt in jedem Bild ein wenig genervt daher, außer beim Konzert.