Im August 2010, als er Angela Merkels Angebot »mit Freuden« annahm, sah es noch so aus, als könnte ein vertrautes Gesicht helfen. Das Ansehen der Regierung war zwar schon ramponiert, doch ein Moderator aus dem heute-journal schien den gewohnten Lauf der Dinge und Nachrichten verbürgen zu können. Steffen Seibert war in dieser Hinsicht so etwas wie eine Behauptung, vielleicht auch nur eine Hoffnung. Er erlebte seine ersten Wochen im Amt des Regierungssprechers als lebhaft, aber nicht als schlimm . Die Koalition rang sich zu einem neuen Energiekonzept durch, Deutschland erhielt einen Sitz im UN-Sicherheitsrat, im November ging es zum G-20-Gipfel nach Seoul. Die Krise schwebte anfangs noch in sicherer Ferne. Dann allerdings kam 2011.

Staatssekretär Seibert bekommt unter Stress rote Flecken im Gesicht. Ein böser Journalist fragte ihn mal, ob er Rouge auflege. Spätestens im März waren diese Flecken der Lage angemessen. Die Wahl in Baden-Württemberg hatte die Union verloren, verloren gegangen war auch Hoffnungsträger Dr. zu Guttenberg. Die Unruhen in Arabien machten die Welt unübersichtlicher, das Erdbeben in Japan mit der Atomkatastrophe von Fukushima schockierte sie. Europa muss gerettet werden, Griechenland, der Euro, die Banken. Der Regierungssprecher war in diesem Jahr Krisensprecher. Er kündigte an, machte bekannt, wiegelte ab, er bestätigte und dementierte. Ob aber Seibert die Arbeit dieser schwarz-gelben Regierung wirklich kommunizierte, das ist eine berechtigte Frage.

Die Noten, die der Sprecher von der Hauptstadtpresse erhält, sind gar nicht so schlecht. So Drei plus. Er gilt als gut informiert. Dass er sich in steter Tuchfühlung mit der Kanzlerin befinde, würde niemand bezweifeln. Irgendwann schrieb eine Zeitung mal von »Merkels Dackel«. Seibert spricht stattdessen von »Loyalität«, was in der Nähe der Macht eine seltene Sekundärtugend ist, und tatsächlich ist er ein Teil des kleinen, aber engen Merkelschen Loyalitätskordons, welcher der Kanzlerin ermöglichte, sich stoisch und unbeirrbar, wenn auch nicht sonderlich leutselig durch das annus horribilis 2011 zu lavieren. Er ist ein Getreuer in einer von Fliehkräften zerzausten Regierungskoalition, in einem Europa, wo Deutschland in die Isolation zu geraten droht, trotz oder wegen seiner Macht. Er ist der Schatten der Kriegerin.

Es gab im Laufe des Jahres eine Debatte um die Abschaffung der Wehrpflicht, dann eine um den Wiederausstieg aus der Atomkraft. Erst hieß es: Keinen Euro für die Griechen, dann gab es gleich zwei Hilfspakete, danach die Malaisen mit der EFSF. Die FDP entledigte sich ihres Problemvorsitzenden und senkte das Durchschnittsalter im Kabinett um gefühlte zwei Jahrzehnte. Ob Horst Seehofer noch Freund oder schon Feind ist, weiß selbst die CSU nicht mehr. Libyen wurde zum außenpolitischen Fiasko. Seibert musste das alles ansagen, sich einen Reim darauf machen, was nur noch Ereigniskonfusion ist und Nervenkrise jener, die weniger robust sind als Merkel. Seibert wird ein stattliches Ego nachgesagt, wer beim Fernsehen vor der Kamera gearbeitet hat, muss ein solches haben. In der Krise ist alles anders: Der Regierungssprecher ist zwar exponiert, eigene Eitelkeiten wirken jedoch lächerlich. In einer solchen Lage kommt es nur auf die Regierungschefin an, gelegentlich auf den Finanzminister. Seibert musste 2011 Zutrauen wecken und immer wieder signalisieren: Das Krisenmanagement funktioniert, die Kanzlerin behält einen kühlen Kopf.

Wahrscheinlich ist ihm das gelungen. Der Preis dafür war, dass er zum Getriebenen der Ereignisse wurde, beim Schach würde man sagen, er hat das Tempo verloren. Die »große Erzählung« dieser seltsamen Koalition hatte niemand von ihm erwartet, wohl aber Erklärungen – und den Nachweis, dass das Regierungshandeln Überzeugungen entspringe, einer gewissen Einheitlichkeit folge, initiativ sei, auch unter dem Druck der Ereignisse. Wenn das nicht so ist, muss der Sprecher trotzdem diesen Eindruck erzeugen. Das hat er nicht geschafft. Seit einiger Zeit twittert Seibert . Aber Verlautbarungen aus dem Merkel-Umkreis in 140 Zeichen stiften auch keine Zusammenhänge.

Das letzte Drittel des Jahres wurde nicht einfacher. Ein pöbelnder Kanzleramtsminister, Bundestagsmehrheiten, die nur mithilfe der Opposition zustande kamen, eine bizarre Steuersenkung und ein Betreuungsgeld, mit dem der Sozialstaat weiter wuchert – zwischen Gesichtswahrung und Klientelpolitik ist es für einen Regierungssprecher schwer, nach Erklärungen zu suchen. Steffen Seiberts Umgangsformen sind untadelig. Der katholische Konvertit und Familienvater sieht aus, als wäre er einem Katalog der Neuen Bürgerlichkeit entsprungen. Leider spricht er für eine Regierung, die den Anschein von Bürgerlichkeit gleich nach Abschluss des Koalitionsvertrags ablegte. Nur die Pflichtethik der Kanzlerin steht noch für die traditionelle Regierungskompetenz der Union. Sie ist das Gut, mit dessen Verkauf der Regierungssprecher das kommende Jahr wird bestreiten müssen.