ZEITmagazin: Herr Shechtman, erhalten Sie den Nobelpreis für Ihre eigene Entdeckung oder die vieler Wissenschaftler?

Daniel Shechtman: Ich sehe mich als Vertreter Tausender Forscher weltweit. Der Preis ist die Anerkennung für die Wissenschaft schlechthin.

ZEITmagazin: Was genau haben Sie entdeckt?

Shechtman: Ich habe als Erster die Quasiperiodizität in Materialien entdeckt. Während alle zwischen 1912 und 1982 untersuchten Kristalle eine sich exakt wiederholende Ordnung aufweisen, haben die Quasikristalle eine sich niemals wiederholende Struktur. Das widerspricht allen vorher als gültig angenommenen Regeln der Kristallografie. Vor mir haben Wissenschaftler Hunderttausende Kristalle untersucht, aber niemandem ist das aufgefallen. Vielleicht bemerkten sie es und fanden es einfach zu kompliziert.

ZEITmagazin: Sie bekommen den Nobelpreis für eine Entdeckung, die lange zurückliegt – fast 30 Jahre.

Shechtman: 1982 war ich für einen Forschungsaufenthalt beim National Bureau of Standards in Maryland und untersuchte Aluminiumlegierungen. Ich weiß noch, es war der 8. April. Ich war alleine und hatte eine Metalllegierung unter dem Elektronenmikroskop, da fiel mir die fremdartige Struktur zum ersten Mal auf. Ich habe alles selbst vorbereitet und analysiert. Später haben mich viele Wissenschaftler unterstützt und eine wesentliche Rolle gespielt, auch einige Kollegen aus Deutschland.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihren Fund gleich mitgeteilt?

Shechtman: Ich habe meinen Kollegen sofort über meine ungewöhnliche Entdeckung berichtet. Ich sagte: "Es ist zwar ein Kristall, aber es entspricht nicht dem Muster echter Kristalle." Ich wusste gleich, es war etwas Besonderes – aber ich wusste nicht, warum.

ZEITmagazin: Wie haben Ihre Kollegen reagiert?

Shechtman: Mein Gastgeber John Cahn meinte: "Danny, da steckt was dahinter, finde es raus!" Andere Kollegen meinten, ich redete Unsinn. Mein Gruppenleiter legte mir ein Lehrbuch auf den Schreibtisch und sagte: "Lies das! Dann wirst du verstehen, dass das nicht sein kann." Ich erwiderte, dass ich als Professor an der Technischen Universität in Haifa dieses Buch selbstverständlich kenne, und fügte hinzu, meine Beobachtung sei etwas Außergewöhnliches. Dann kam der Tag, an dem derselbe Wissenschaftler mir mitteilte: "Du bist eine Schande für meine Gruppe, ich möchte, dass du gehst." Er hatte wohl Angst um seinen Ruf.