Ellen Wesemüller, 1980 in Hannover geboren, arbeitet gerade an ihrem ersten Roman

Ich höre, ich lese Christa Wolf das erste Mal mit einer Freundin. Wir sind 19 und im ersten gemeinsamen Urlaub ohne Eltern. Sie habe ein Buch gelesen, sagt sie, sie könne es mir vorlesen, während wir am Strand liegen. Als sie fertig ist, lese ich ihr vor, und als ich fertig bin, fangen wir wieder von vorn an.

Wir können nicht lassen von diesem Buch, wir hängen an Kassandras Lippen, wir verstehen nicht viel, wir können diese ganzen antiken Figuren nicht unterscheiden, doch wir kennen sie, und wir merken: Wir verstehen alles.

So lesen wir weiter über Vergewaltigungen, die Verstümmelung der Körper, über Väter, Mütter, Töchter und die grausamen Geheimnisse, die sie teilen, die sie beieinander gefangen halten, und so geht es auch uns. Wir sind gemeint, obwohl wir doch gerade erst geboren wurden; wie hat sie uns kennen können?, fragen wir uns und verstehen später: Das ist die Fähigkeit, die Verhältnisse der Welt in Figuren zur Sprache zu bringen, sie angreifbar zu machen.

Heute macht sie mir Mut, diese Autorin, die auf etwas verzichten konnte, was zunächst unverzichtbar scheint: auf eine Psychologie der Figuren, auf deren innere Entwicklung während des Romangeschehens, auf ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihren Tonfall. Es war nicht wichtig, wie eine Figur etwas sagte, sondern was sie sagte. Es war nicht wichtig, wer es sagte, sondern dass es gesagt wurde. Die Anforderung, die Christa Wolf an ihre Figuren stellte, war stets dieselbe wie an sich selbst: sich nicht dümmer stellen, als man ist, sich so klug stellen, wie es geht.

Heute lese ich die Nachrufe und ärgere mich. Dass sie als Frau beschrieben wird. Dass sie als Frau beschrieben wird, die Frauenschicksale beschrieb. Dass sie als Frau beschrieben wird, die Frauenschicksale beschrieb und damit Frauen bewegte. Dass sie als Frau beschrieben wird, die Frauenschicksale beschrieb, damit Frauen bewegte und auf diese Weise – in der Erinnerung von Männern – frauliche Tugenden einbrachte in die literarische Männerrunde.

Vielleicht zeigt sich das Patriarchat in den Nachrufen auf sie mehr als in ihrer Literatur, denke ich.

Christa Wolf fehlt.