Jedes Stück dieses Canyons ist schon abenteuerlich genug, doch noch abenteuerlicher sind seine Bewohner. Daniel Fagergren stoppt den schweren, mit einem Sturmgewehr ausgerüsteten Dodge-Pick-up mitten auf einer schneeglatten Hochebene über dem Bryce Canyon. Die Rifle AR-15 steckt griffbereit in der Halterung neben dem Fahrersitz. Bevor der Deputy Chief Ranger aussteigt, schaut er prüfend über die neblig weiße Ebene und befiehlt mir, hinter der geöffneten Beifahrertür in Deckung zu bleiben: »Hier sind keine Bäume, hinter denen du dich verstecken kannst, falls auf uns geschossen wird.« Dann geht der Zwei-Meter-Mann in der dunkelgrünen Uniform der Nationalparkranger gemessenen Schrittes auf den kleinen schwarzen Fiat ohne Nummernschild zu, der fünfzig Meter vor uns auf dem verschneiten Highway steht. Wir sind ihm schon eine Weile gefolgt, doch erst jetzt hat er auf unser Stoppsignal reagiert. Daniel fixiert das Auto wie ein Jäger ein Wild und legt im Gehen die Hand ans Pistolenholster.

Wir sind ganz allein hier draußen im abgelegensten Nationalpark von Utah, vor uns das kalte, leere Plateau, im Rückspiegel der Canyon. Während Daniel endlos die Papiere des Fiat-Fahrers überprüft, als könnte der ein flüchtiger Mörder sein, dann den Kofferraum inspiziert, als erwarte er eine Leiche, riskiere ich einen Blick zurück. Aberhunderte rötlicher Felsnadeln ragen wie ein Heer versteinerter Götter aus dem weiten Talkessel auf und werden von der untergehenden Sonne in Brand gesetzt. Man kann Amerikas Westen noch so oft im Schnee gesehen haben – nirgends ist der Winter so magisch wie im Süden von Utah, am Rand des Colorado-Plateaus, eines gigantischen Labyrinthes aus Felssäulen, Tafelbergen und Schluchten. Wie ein eigener Kontinent erhebt es sich über das Vierländereck Colorado–New Mexico–Arizona–Utah.

Vom Mormonenstaat kennen Wintersportler normalerweise nur den Norden. Um die Hauptstadt Salt Lake City liegen im Radius von nur einer Autostunde elf weitläufige Skigebiete. Zu den weltweit besten zählen Park City, Deer Valley und The Canyons. Wer einmal die breiten, serpentinenartigen Abfahrten hinuntergeschwebt ist, vergisst nie mehr dieses Gefühl, wenn das weite, offene Salzseeland unter einem liegt und man unwillkürlich die Arme ausbreitet wie Flügel. Doch spektakulärer noch als Utahs Norden ist der Süden mit den Nationalparks Bryce Canyon und Zion . Im Sommer ziehen Millionen von Touristen hier durch, im Winter gehört einem das Land fast allein. Dann ist die beste Zeit, sich die Wildnis von ihren Hütern zeigen zu lassen. Daniel Fagergren, 34, ist der Sicherheitschef von Bryce Canyon. Er gehört zum harten Kern jener Ranger, die in den Parks auch überwintern. Schon sein Großvater war in den vierziger Jahren in Bryce stationiert. Als Kind lernte Daniel Spuren lesen und Wasserstellen finden. Früher wären Männer wie er Sheriff oder Waldläufer geworden. Heute machen sie die rauesten Gegenden des Westens touristensicher .

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Die Mormonen nannten die Berge Temple, Altar und Angel’s Landing

Schon der Weg dorthin. Von Salt Lake City aus verläuft der Highway 15 immer in Richtung Mittag, vorbei an Truck Stops und Diners, entlang des blendenden Utah Lake und durch die düsteren Berge von Iron County. Irgendwann kommt Brian Head, wo sie mitten ins windgepeitschte Nichts ein Dutzend Skilifte gepflanzt haben. Aber vor allem ist da dieser kleine windschiefe Schneemobil-Verleih namens Thunder Mountain Sports. Hier spätestens geht das los, dass ich denke, in Utah leben keine Betbrüder, sondern nur breitschultrige Hünen. James mit dem blonden Ziegenbart sieht aus wie ein skandinavischer Rocker, nur dass er statt Lederkluft einen ölverschmierten Mechaniker-Overall trägt. So setzt er sich auf sein Skimobil und gibt Gas, und wenn man Glück hat, wartet er ein paar Kilometer weiter an einer Weggabelung. Vielleicht stellt man sich aber auch blöd an, wie ich, und gerät talabwärts aus der Spur, und die schwere Maschine zieht einen runter vom Weg, direkt auf einen Baum zu, bis man zehn Zentimeter davor stecken bleibt. Dann kommt James zurück, um einem lachend auf die Schulter zu hauen, dass man noch tiefer in den Schnee sackt: »Da hast du doch genau im richtigen Moment gebremst.« Wer nie aus der Spur fliegt, war bloß zu feige zum Rasen. Das ist die Logik des Wildwestwintersports.

Später erreichen wir eins der typischen Hochplateaus und fahren bis zum äußersten Rand, wo die Welt abrupt abbricht. Weil die Luft so klar ist, schaut man meilenweit. Auch der Highway wirkt ganz nah. Doch man sollte nicht versuchen, ihn auf geradem Weg zu erreichen. James erzählt von Skitourengehern, die sich schon nach wenigen Stunden in den zerklüfteten Felsformationen am Fuße des Plateaus verirrten. Irgendwann blieb ihnen nichts übrig, als sich ein Iglu in den Schnee zu graben. Zwei Tage wurden sie vermisst, bis die Mechaniker von Thunder Mountain sie fanden.

Nur wenige finden sich im Westen wirklich zurecht, für uns andere gibt es markierte Trails. Die meisten hat Zion, der Park, der nach der Gottesstadt benannt ist. So sieht er auch aus. Wir sind fast an der Grenze zu Arizona und folgen dem Lauf des Virgin River, als plötzlich Berge wie Kathedralen aus der Ebene wachsen. Gelbe und schwarze Sandsteinwände schießen lotrecht in den Himmel. Die Mormonen haben ihnen Namen gegeben wie Temple, Altar und Angel’s Landing.