Auch wenn Veganer es ungern hören: Der Mensch wäre ohne Tierhäute nicht denkbar. Seit ungefähr 75.000 Jahren kann man davon sprechen, dass er sich mit dem bekleidet, was vom Essen übrig blieb. Knochen beispielsweise, Fellen und Häuten. Ohne sich Wärmendes von seiner Jagdbeute umzubinden, hätte der Frühmensch Afrika nicht verlassen können.

Nun stand die Schlange eher selten auf dem Speisezettel. Schlangen hat der Mensch stets gefürchtet. In der christlichen Welt ist das Bild der Schlange durch die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geprägt – sie symbolisiert Hinterlist und Verführung. Gleichzeitig übte die Schlange stets auch eine Faszination aus. In den frühen Hochkulturen des Nahen Ostens finden sich Kulte, die auf der Anziehungskraft der Schlange gründen. So ahmen Mosaike der islamischen Kunst die Struktur von Schlangenleder nach. In der ägyptischen Mythologie wird etwa die Schlangengöttin Wadjet, Beschützerin des Reiches und der Pharaonen, meist als aufgerichtete Kobra dargestellt. Wer die Haut einer Schlange überstreifen konnte, demonstrierte damit zweierlei: dass er das gefährliche Tier bezwungen hatte und dass er die Eigenschaften des Tieres auf sich übertragen hatte. So fertigten sich nordamerikanische Cowboys aus den von ihnen erlegten Tieren Stiefel oder Hüte an.

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Wenige Kulte haben sich so ungebrochen bis in die heutige Zeit erhalten wie der um das Schlangenleder. Keith Richards wurde schon Mitte der 1960er in Stiefeln aus Schlangenleder gesichtet. In den 1970ern trugen Glamrocker wie Led Zeppelin und Rod Stewart weiterhin Schlangenprint. Und derzeit sieht man wieder besonders viel Python auf der Straße. Bei Missoni und Prada gibt es Mäntel aus Pythonleder, das Schlangenmuster ist auf Taschen, Stiefeln und anderen Accessoires zu sehen. Freilich werden dafür keine Schlangen mehr in der Wildnis bezwungen, sondern mit Ratten fett gefütterte Farmtiere verarbeitet. Man kann es als Fortschritt ansehen, dass mittlerweile Schlangenleder großteils durch geprägtes Rindleder imitiert oder das Schlangenmuster als Stoffdruck verwendet wird. So wie die Python-Prints auf den Kleidern und Mänteln der aktuellen Chloé-Kollektion. Es sei aber gewarnt: Solche Hüllen umgeben vielleicht trotzdem Giftiges und Gefährliches.