Arroganz: Der Fall Frankreich

Wenn Frankreichs Atomkonzern Areva Mitte Dezember seine Pläne zum Abbau mehrerer Tausend Stellen bekannt gibt, muss den Beschäftigten nicht bang sein.

"Es wird keine Auswirkungen geben, das ist die Linie, die der Staat wünscht", ließ Finanzminister François Baroin wissen, nachdem erste Informationen über die Kürzungsabsichten durchgesickert waren. Baroin zitierte daraufhin Areva-Chef Luc Oursel zu sich. "Es wird keine Entscheidung geben, die Arbeitsplätze als Manövriermasse betrachtet, ganz egal, welche Folgen eine Abschwächung des globalen Wirtschaftswachstums auch haben mag", bläute er ihm ein. Betonung auf französische Arbeitsplätze wohlgemerkt.

In Frankreich wundert sich niemand über solche Sätze. Sie gehören zur Staatsräson, seit Jean-Baptiste Colbert, Finanzminister von Sonnenkönig Ludwig XIV., damit begann, die Wirtschaft durch dirigistische Maßnahmen zu lenken. Es ist unerheblich, dass Areva zu 87 Prozent dem Staat gehört. Auch als der klamme private Autokonzern PSA Peugeot Citroën kürzlich einen Jobabbau ankündigte, versprach Industrieminister Éric Besson gleich, dass in Frankreich alle Stellen erhalten bleiben. Nachsitzen musste auch schon mal Renault-Chef Carlos Ghosn, als er einen kleinen Teil der Produktion in die Türkei verlagern wollte. Die staatliche Bremse gegen den Aufbau von Produktionsstätten in Schwellenländern ist heute übrigens ein wichtiger Grund für die Schwierigkeiten der französischen Autobauer. So ist es, wenn der Staat sich zum vermeintlichen Beschützer der Wirtschaft aufschwingt. Die Produktionskosten steigen, die Güter werden zu teuer. Um einer Schrumpfung des Exports entgegenzuwirken, verstärkt die Regierung den Protektionismus. Ein Teufelskreis. Im besten Fall belohnt die französische Regierung auf diese Art unrentable Arbeit. Im schlimmsten Fall missbraucht der Elysée seine Macht über die Konzerne als politische Waffe.

Frankreichs Politiker sind überzeugte Europäer, wenn sie allein nicht weiterkommen. Das führte zur Gründung von EADS, Europas größtem Luftfahrt- und Rüstungskonzern. Deshalb haben sie auch Interesse an einer Werften-Allianz nach dem Vorbild des Flugzeugbauers. Dass Siemens beim französischen Konkurrenten Alstom einsteigen konnte, verhinderte der damalige Wirtschaftsminister und heutige Präsident Nicolas Sarkozy. Derselbe Sarkozy hatte 2004 auch die Übernahme des deutsch-französischen Arzneimittelkonzerns Aventis durch die Franzosen von Sanofi eingefädelt und damit den drittgrößten Pharmakonzern der Welt auf den Weg gebracht. Und auf seinen Wunsch hin wurde die Formulierung eines Binnenmarktes mit "freiem und unverfälschtem Wettbewerb" aus dem EU-Reformvertrag gestrichen. Wie lange will sich die Europäische Union so viel Hochmut noch bieten lassen?

Karin Finkenzeller