Zu sagen, Lew Tolstoj habe sich in seinem Romanepos Krieg und Frieden auf das Wesentliche beschränkt, ist kein Widerspruch. Denn alles, was er auf diesen gut anderthalbtausend Seiten erzählt, seien es weltverändernde Schlachtmanöver oder eitle Nichtigkeiten, trägt, wie er schreibt, als kleines Rädchen im Uhrwerk zu jener "Weiterbewegung der weltgeschichtlichen Zeiger auf dem Zifferblatt der Geschichte der Menschheit" bei. Alles stellt dieselben Fragen: Wie soll ich leben? Wie soll ich lieben – und wie sterben? Den Roman wiedererzählen zu wollen grenzt an Frevel, kann doch wenig mehr als eine unzulängliche Zusammenfassung herauskommen. Das Epos auf die Bühne bringen wollen, gar abendfüllend, das ist ohnehin indiskutabel. Das gehört sich nicht.

Weil es aber mit zur Job-Description eines Bühnenregisseurs gehört, ab und an zu tun, was sich nicht gehört, zeigt Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann seine Version von Krieg und Frieden. Das Stück ist bereits seit eineinhalb Jahren zu sehen – als öffentliche Probe, wohlgemerkt. Auch Hartmann weiß natürlich um die Unmöglichkeit – und vor allem um die Angreifbarkeit – seines Tuns. Solange das Stück aber noch im Zustand der öffentlichen Probe war, befand es sich in einer Art unantastbarem Zwischenraum. Alles war nur vorläufig, eben "auf Probe". Die Souffleuse war Teil des Ensembles, der Regisseur stand daneben. Es ging um nichts – knapp fünf Stunden beherrschte die Leichtigkeit des Seins die Bühnenbretter.

Nun, da Hartmann sich zu einer Premiere durchgerungen hat, könnte man meinen, es würde endlich ernst. Doch immer noch scheinen der Regisseur und sein 15-köpfiges Ensemble (inklusive Souffleuse) von der (Bedeutungs-)Schwere des Stoffes nicht so recht wissen zu wollen.

Ihre Bühne im ehemaligen Wiener Militärkasino ist eine schlichte, lange Tafel. Sie ist, wie auch die unzähligen Stühle an ihren beiden Seiten, grau lackiert, als wäre die Asche einer Bombe auf sie herniedergerieselt. Wie im Roman ist der Krieg immer der Hintergrund, vor (oder vielmehr auf) dem ein rauschendes Fest gefeiert wird. Es ist der sprichwörtliche Tanz auf dem Vulkan, und die Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu übersehen. Bisweilen lässt Hartmann seine Darsteller aktualisierend koksen und Party-Fotos schießen – er hätte es besser bleiben lassen. Zumeist aber und wesentlich eleganter verharrt das Ensemble in einer zeitlosen, an Shakespeares Zauberkönig Prospero erinnernden Fantasie-Schwebe. Die Schauspieler fabulieren sich auf dieser Tafel eine Märchenwelt zusammen. Auf den Boden knallende Holzlatten sind ihnen Kanonenschüsse, mit den Fingerkuppen auf dem Tisch stellen sie eine ganze Division auf, Stühle werden ihnen zu Schnee, Tische zu einstürzende Brücken. Stolz in unifarbenen Basics auf der Tafel stehend, berichten sie von ihren "ganz unerhörten Reithosen nach allerneuester Mode" oder dem "zimtfarbenen Frack", den sie tragen, und ein diebisches Vergnügen blitzt dabei in ihren Augen. Oliver Masucci gibt mit fettem Grinsen, mit einer fast indiskret und obszön wirkenden körperlichen Präsenz den "Knallkopf" Anatol Kuragin, und man weiß nicht, ist dieses "unbeirrbare Selbstvertrauen" sein eigenes oder jenes Anatols. Ignaz Kirchner rauscht als Grantscherben von Fürst Bolkonskij wie ein Rumpelstilzchen über die Bühne. Gundars Abolins breitet (statt Udo Samel in den Proben) die ganze Lebensunfähigkeit, die unerträglich oszillierende Persönlichkeit des Pierre Besuchow vor uns aus. Fabian Krüger gibt mit vollem Einsatz nicht nur den Dolochow, sondern auch einen Baum und den Mond in der Opernaufführung. Die allesamt großartigen Schauspieler spielen jeder zahlreiche Rollen, sie legen sie an und ab, wie es ihnen gerade passt. In einer Szene wirft Dolochow im Kasino die Spielkarten auf den Tisch – und genau so werfen die Darsteller hier mit dem Text um sich. Man springe auch, ließ Hartmann schon vor Beginn wissen, zwischen den Seiten. Um der Erzählbarkeit willen. Der Text wird hier nicht allzu ernst genommen, vielmehr als Material, mit dem man spielen kann. Bisweilen verleitet diese Respektlosigkeit dann auch zu allzu slapstickartigen Schenkelklopfer-Einlagen.

Mit einem anderen Text wäre das zu einer seichten und wenig ergiebigen Aufführung geworden. Doch nicht nur zeigt sich hier, dass Tolstojs Text praktisch nicht zu zerstören ist in seiner Schönheit, in seiner Weisheit. Es zeigt sich auch, dass dieser Text, wenn überhaupt, nur so auf die Bühne gehört: Als ginge es um nichts, als sei alles ein großes Spiel. Diese Aufführung, ob Probe oder Premiere, zeigt uns die "erniedrigende Nichtigkeit alles Irdischen", von der der Text einmal spricht. Zugleich aber zeigt uns diese Aufführung, die so süffig und hingebungsvoll noch die kleinsten Nichtigkeiten liebevoll ausgestaltet, eine der großen Einsichten dieses Romans: "Nur durch die Liebe steht alles im Zusammenhang." Ohne ersichtlich nach Sinn und Erkenntnis zu suchen, haben Hartmann und sein Ensemble so lange und mit so viel Freude in diesem Text herumgestochert, bis beide erscheinen. Die Wahrheit nämlich ist: Es geht hier um alles – aber so wichtig ist das nun auch wieder nicht.