Von Hamburgs einstmaligem Bürgermeister Herbert Weichmann hat manch einer den Geburtstagsglückwunsch gehört: "Fangen Sie nie an aufzuhören, und hören Sie nie auf anzufangen." Einer, dem dies nicht extra ins Stammbuch geschrieben werden musste, ist Michael Naumann, der in dieser Woche seinen 70. Geburtstag feierte. Er hat nie aufgehört, und er hat sein Leben lang immer wieder Neues begonnen. In den verschiedensten Berufen und Positionen hat er geglänzt: ob als Journalist oder Verleger, Professor oder Politiker – er ist ein Schöngeist und ein Freigeist, zugleich Intellektueller und Pragmatiker, Denker und Manager, Leitartikler, Reporter und Blattmacher.

Seine Mutter floh mit ihm und den Geschwistern in den Westen, als ihr im heimatlichen Köthen die Verhaftung durch die Stasi drohte. In einer Kölner Bauruine, möbliert mit Orangenkisten, wuchs er auf – Armut ist ihm nicht fremd, sein soziales Denken wurzelt im eigenen Erleben. Nach einem Austauschjahr in den USA studierte er in Marburg, München und Oxford Politische Wissenschaften, Geschichte und Philosophie. Seine Doktorarbeit schrieb er 1969 fußnotensauber über Satire und politische Realität bei Karl Kraus. Bis heute spickt er seine Artikel, Reden und Unterhaltungen lässig mit klassischen Zitaten wie andere einen Rehrücken mit Speck – Heraklit, Hegel und Hobbes, Locke und Lichtenberg, Goethe und Schiller geben nicht nur Zierleisten seines Denkens ab, sie gehören zu seinem geistigen Marschgepäck.

Ein vergrübelter Bücherwurm ist Michael Naumann gleichwohl nie gewesen. Lust und Lebensbiss zeichnen ihn aus, gepflegte Eleganz, zudem draufgängerische Sportlichkeit. Er hat einen Oldtimer in der Garage, einen wunderschönen Citroën, wie ihn die Pariser Gangster fuhren, war Langstreckenläufer, kam gern mit dem Motorrad zur Arbeit und ist leidenschaftlicher Segler; seine Jolle basta! – Reminiszenz an seinen Freund, den Basta-Kanzler Gerhard Schröder – liegt an der Küste von Maine und ist ihm und seiner Frau Marie Warburg jeden Sommer ein Quell der Erholung und Entspannung. "Ich habe in meinem Leben immer nur das gemacht, was mir Spaß macht", bekennt er.

Das gilt auch für seine berufliche Laufbahn. Ein einziges Mal nur hat er sich beworben, ganz zu Beginn beim Münchner Merkur. Danach wurde er immer berufen: zu M, dem Jugendmagazin, das der alte Burda wegen der frechen Aufmüpfigkeit der jungen Macher schließen ließ; dann 1970 das erste Mal zur ZEIT, dessen Magazin er, unermüdlich und unerschöpflich unter dem eigenen Namen wie unter den klangvollen Pseudonymen Mishi Edu und Renate Fuchs schreibend, aus der Anfangsmisere half, bis er sich 1972 für einige Jahre ins akademische Leben stürzte; und erneut 1979, als ihn der zweite Ruf ins Hamburger Pressehaus erreichte. Die ZEIT richtete damals das Ressort "Dossier" ein, zu dem auch Josef Joffe stieß. Naumann blieb, bis es ihn als ZEIT- Korrespondent nach Washington zog und von dort weiter zum Spiegel, erst nach Kalifornien, dann als Chef des Auslandsressorts nach Hamburg.

Im Jahre 1985 begann er ein zweites Leben: Er wurde Buchverleger. Zehn Jahre lang leitete er mit Aplomb und Erfolg den Rowohlt Verlag. Von Reinbek aus ging er für Rowohlt nach New York, wo er Metropolitan Books und Henry Holt führte. Dieses zweite Leben endete im Sommer 1998, als der SPD-Kanzlerkandidat Schröder Mike Naumann in sein "SPD-Kernteam" berief und ihn nach der gewonnenen Wahl zum Staatsminister für Kultur und Medien machte – "die aufregendste Zeit in meinem Leben". Er brachte Wind in die "kulturelle Sahelzone" Deutschland, wie er, streitlustig wie immer, im Blick auf die karge staatliche Förderung und den lahmenden öffentlichen Diskurs formulierte.

Nach zwei Jahren gab Mike Naumann sein Regierungsamt wieder auf – "als freier Mann, wie ich gekommen bin" – und kehrte zurück zur ZEIT. Die hatte schwierige Jahre hinter sich, die Auflage war gesunken, die Richtung undeutlich geworden. Als Herausgeber und Chefredakteur traf er erneut auf seinen alten Gefährten Josef Joffe. Gemeinsam brachten die beiden das Blatt wieder in gutes Fahrwasser und boxten die Auflage hoch.

Noch einmal, 2007/08, machte er einen Ausflug in die Politik: Als Nothelfer der zerstrittenen Hamburger SPD kandidierte er für das Amt des Bürgermeisters. Er scheiterte, womöglich auch wegen eines peinvollen Aussetzers im Fernsehduell mit Ole von Beust ("Das Herz war voll, die Zeit war knapp"). Gleichwohl beeindruckte er die Hanseaten, und immerhin erhöhte er den Stimmenanteil der SPD um 4,6 Prozentpunkte. Danach kehrte er zur ZEIT zurück – bis er sie Anfang 2010 verließ, um ein weiteres Mal neu anzufangen. Naumann hatte zeitweise schon die Zeitschriften Der Monat und Kursbuch herausgegeben; nun übernahm er die Chefredaktion des Cicero.

Über zwei Jahrzehnte war Mike Naumann bei der ZEIT. Das Blatt hat ihm viel zu verdanken: seiner Lebendigkeit, seiner anregenden Unruhe, seiner schöpferischen Neugierde. Er hatte Ideen, nicht nur für sich, sondern auch für die Kollegen. Die vermissen seine ironischen Einwürfe und die Anekdoten, die er allzeit einstreuen konnte wie Zucker und Zimt über eine Schale Milchreis. Etwa die Geschichte, wie Bundeskanzler Kohl ihn am Rowohlt-Stand auf der Frankfurter Buchmesse fragte, wer das denn alles lesen solle. Naumanns Antwort: "Herr Bundeskanzler, wenn Sie eine Bäckerei betreten und sehen Hunderte von Brötchen, fragen Sie doch auch nicht: Wer soll das alles essen?" Worauf Kohl recht freundlich antwortete: "Das ist für mich kein Problem."

Die Redaktion hat den feinsinnigen Stilisten bewundert – aber auch den Polemiker, in dessen Verbalmagazin Worte zu Dumdumgeschossen wurden. Den bayerischen Kultusminister schimpfte er einen "Kulturkabarettisten"; Angela Merkel warf er "europäische Ruinenbaumeisterei" vor; den deutschen Intellektuellen rief er zu: "Kommt heraus aus eurer Schwermutshöhle!"

Mike Naumann hat viele Furchen auf steinigen Äckern gezogen. Nicht immer ist die Saat aufgegangen. Doch aufs Ganze gesehen ist die Ernte seines halben Jahrhunderts öffentlichen Wirkens überaus eindrucksvoll. Seine Freunde bei der ZEIT wünschen ihm weiterhin eine scharfe Pflugschar. Sie kennen seine Schwäche im Umgang mit Zahlen; dafür hatte er nie einen Kopf. Aber wenn sich der Neu-Siebziger jetzt ziffernschusselig für 60 ausgeben sollte – wir nehmen es ihm ab und wünschen ihm, dass sein ersichtliches Alter dem Ausstellungsdatum der Geburtsurkunde stets um zehn Jahre hinterherhinkt.