Oft merken die Zeitgenossen gar nicht, wenn Geschichte geschieht, wenn aus Alltag Historie wird. Als die Sansculotten die Pariser Bastille stürmten, ahnten sie nicht, dass sie soeben die später weltberühmte Französische Revolution ausgelöst hatten. Und wir Heutigen, woran können wir Geschichte erkennen, wenn wir sie erleben? Noch dazu in Europa, wo sich alles immer gleich in Vielstimmigkeit auflöst, wo so oft die Geschichte beschworen wird, dass es dann keiner mehr glaubt, wenn sie tatsächlich geschieht.

Ein Indikator könnte die Wucht sein, mit der sich Großbritannien jetzt vom Kontinent abgestoßen hat . Für nichts hätten sie das nicht getan. Ein weiteres Zeichen: In dem Moment, da die Euro-Zone in ihrem größten Schlamassel steckt, wollen weitere sechs Länder dazustoßen. Die Märkte sind erwartungsgemäß mal wieder wenig beeindruckt von dem, was die europäischen Regierungschefs in der letzten Woche vereinbart haben – diese neu hinzukommenden Staaten sind es durchaus. Und auch viele von jenen Staaten, die sich geografisch um die EU herum gruppieren, setzen nach wie vor darauf, dass sie irgendwann Mitglied werden können.

Wie wird die Welt im Jahr 2050 aussehen? Wir wissen es nicht genau, aber es sieht so aus, als würde ein europäischer Machtraum entstehen, von Skandinavien bis nach Nordafrika, von Portugal bis Weißrussland, von Frankreich bis zur Türkei, ein weltpolitisches Schwergewicht. Ja, die EU nervt uns seit über einem Jahr mit ihrem Gegipfel und Gestöhne. Aber es sind die unvermeidlichen Schmerzen einer Neugeburt.

Europa will Wachstum mit weniger Schulden – die USA mit mehr Schulden

Nur, was ist denn überhaupt geschehen in Brüssel? 26 europäische Staaten haben beschlossen, sich enger zusammenzuschließen, politisch und ökonomisch. Und sie haben sich auf eine Philosophie geeinigt, die lautet: Wir wollen Wachstum und Wohlstand mit immer weniger Schulden realisieren, also nicht mehr auf Kosten der Künftigen leben. Das ist nicht weniger als eine Spaltung, freundlicher: eine Diversifizierung, des Westens. Die USA haben den gegenteiligen Weg eingeschlagen, sie wollen weiter in die Schulden gehen . Wenn die Europäer das Versprechen halten, das sie sich selbst gegeben haben, dann sind sie künftig eine Art Systemalternative.

Dabei ist es absolut kein Zufall, dass auch bei der Klimakonferenz in Durban die Europäer für Nachhaltigkeit gekämpft haben und die USA dagegen. Doch anders als noch in Kopenhagen, wo die Amerikaner zusammen mit den Chinesen die EU an die Wand spielten, spielten diesmal die Europäer zusammen mit den armen Ländern eine Führungsrolle. Es bleibt spannend im Wettbewerb der Systeme.

Wie aber passt das zusammen, das Geschichtliche und das Gestöhne im Europa dieser Tage? Sehr gut, könnte man sagen, auch sehr europäisch. Denn das eben gehört zum Europäischsein dazu, dass, wenn einer ganz zufrieden ist, andere es gar nicht sein können, mit der Folge, dass in der Regel alle etwas unzufrieden sind. Europa ist sich nie genug.