Je schöner ein Wort klingt, desto vieldeutiger ist sein Sinn. Was ist Gerechtigkeit? Jede Kultur, jede Epoche, sagt man, verstehe etwas völlig anderes darunter. Aber stimmt das?

Für die frühen Hochkulturen stimmt es jedenfalls nicht. »Gerechtigkeit« ist die Idee, dass Menschen sich gegenseitig etwas schulden und deshalb auch den Mächtigen nicht alles erlaubt ist. Schon im ersten Fürstenspiegel der Welt, der um 2100 vor Christus verfassten Lehre für König Merikare, heißt es, die ägyptischen Herrscher müssten Gerechtigkeit walten lassen und »den Rücken der Schwachen stützen«. In China empfahl Konfuzius (551 bis 479 vor Christus), alle Menschen sollten sich »wie Verwandte behandeln« und die goldene Regel befolgen: »Was dir selbst unerwünscht ist, das füge auch keinem anderen zu.« Nicht anders sein Landsmann, der Philosoph Mo Ti (um 480 bis 380 vor Christus), dem wir die erste Antikriegsschrift der Geschichte verdanken: »Wenn einer seinem Nachbarn einen Pfirsich stiehlt, dann wird er dafür bestraft. Stiehlt einer dagegen einen ganzen Staat, dann wird er noch als Sieger gepriesen.« Für Mo Ti ist Gerechtigkeit »das Leben selbst«, und »wo Ungerechtigkeit herrscht, da ist der Tod«.

Ist es nicht erstaunlich, dass Sokrates (um 470 bis 399 vor Christus) in dieser Achsenzeit ganz ähnlich denkt, obwohl er in einem völlig anderen Weltwinkel zu Hause ist? Gerechtigkeit, sagt er bei Plato, gehöre zum »Schönsten, was sowohl um seiner selbst willen wie wegen der daraus entspringenden Folgen von jedem geliebt werden muss, der glücklich werden will«. Plato (427 bis 347 vor Christus) selbst definiert Gerechtigkeit als einen Zustand, in dem »jeder das Eigene und das Seinige tut«. Dass Gerechtigkeit die vorzüglichste unter den Tugenden ist, glaubte auch Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) – sie sei schöner als Abend- und Morgenstern, und auch er rühmt Gerechtigkeit als Tugend, durch die »jeglicher das Seinige erhält«. Aristoteles unterscheidet bereits eine »verteilende« von einer »ausgleichenden« Gerechtigkeit – Frauen und Sklaven immer ausgenommen. Er weiß: Ungleichheit ist die Quelle von Unmut und Umwälzung. »Ganz allgemein greifen die Menschen zum Aufstand auf der Suche nach Gleichheit.«

Dennoch war für die griechischen Philosophen die Gerechtigkeit kein kodifiziertes Recht, sondern vor allem eine individuelle Haltung, eine »Kardinaltugend«, die alle andern Tugenden miteinander ins »Benehmen« setzt. Genau daran störte sich der römische Stoiker Cicero (106 bis 43 vor Christus). Er wollte die »Gerechtigkeit« nicht allein individualethisch verstehen, sondern als Prinzip der Gesellschaft. Bis zum Aristoteles-Leser Thomas von Aquin (um 1224 bis 1274) ändert sich das Denken über die Gerechtigkeit dann kaum noch. Sie ist eine – nun christliche – Tugendlehre, die politisch am besten von einem »gerechten Fürsten« verkörpert werde.

Dieser »gerechte Fürst« hatte in der Neuzeit einen schweren Stand, denn das aufstrebende (Wirtschafts-)Bürgertum fand seinen Paternalismus unerträglich. Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778) wiederum erschütterte den bürgerlichen Eigentumsbegriff bis ins Mark: »Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Dies ist mein, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not und Elend und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ›Hütet euch auf diesen Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde niemandem.‹«

Bei Immanuel Kant (1724 bis 1804) ist Gerechtigkeit endgültig keine individuelle Tugend mehr, sondern das »formale Prinzip der Möglichkeit des rechtlichen Zustandes unter Menschen«. An dieser Bestimmung reiben sich Philosophen bis heute; schon Karl Marx (1818 bis 1883) sah darin eine typisch bürgerliche Abstraktion. Er hielt es lieber mit Aristoteles und träumte von einer Gesellschaft, in der gilt: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«

Es war Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900), der eine lange Epoche von Moralkritik und Gerechtigkeits-Skepsis einleitete, und wenn nicht alles täuscht, dann ging diese erst mit dem großen amerikanischen Philosophen John Rawls zu Ende. Rawls (1921 bis 2002) war überzeugt, dass der gesellschaftliche Reichtum von allen Bürgern anteilig erwirtschaftet werde – und deshalb müssten auch alle daran teilhaben. Reiche, so forderte Rawls, dürften nur dann reicher werden, wenn auch die Ärmeren davon profitierten.

Das war Rawls’ berühmtes »Differenzprinzip«, aber es hat den Nachteil, dass es sich unter den Bedingungen der globalisierten Wirtschaft kaum verwirklichen lässt. Oder doch? Und was hieße dann »Weltgerechtigkeit«? Darüber streiten derzeit Philosophen wie Martha Nussbaum, Amartya Sen, Thomas Pogge oder Rainer Forst. In einem sind sie sich jedoch einig: Weil wir Weltbürger sind, sind wir uns etwas schuldig, und das Erste, was wir uns schulden, ist eine Welt, in der kein Mensch mehr hungert. Klar, »Realpolitiker«, die den Finanzkapitalismus für eine Naturerscheinung halten, werden darüber lächeln, ungefähr so, wie Zeitgenossen über Aristoteles lächelten, als er der Polis höchstes Ziel bestimmte: Gerechtigkeit.