Sie hatte sich so sehr ins Zeug gelegt, um ihren Bachelor in der Regelstudienzeit zu schaffen. Doch fast wäre Nora Flachs Plan, zum Masterstudium nach England zu wechseln, an einer einzigen Klausur gescheitert. Oder eher an dem Professor, der die Korrektur monatelang liegen ließ. Nur dank der Großzügigkeit ihrer neuen Universität in Newcastle konnte sie schon ohne Abschlusszeugnis weiterstudieren. Viele ihrer Kommilitonen überall in Deutschland, die wie sie Opfer ihrer säumigen Professoren wurden, hatten dieses Glück nicht.

Es ist ein Problem, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der meisten Bildungspolitiker und Hochschulrektoren, doch es betrifft eine wachsende Zahl von Bachelorabsolventen. Mit allem Möglichen haben die Bologna-Studienreformer gerechnet, als sie die Unterteilung des Studiums in die zwei Stufen Bachelor und Master beschlossen – nicht aber mit dem Fall, was passiert, wenn Professoren nicht fristgerecht ihre Arbeit erledigen. Ohne Prüfungsergebnisse kein Abschlusszeugnis, ohne Abschlusszeugnis keine Zulassung für das sich anschließende Masterstudium, so lautet die einfache Gleichung. Unternehmen können die betroffenen Studenten da meist wenig.

Dabei ist im Falle der 24 Jahre alten Nora Flach, die Tourismus- und Travel-Management studiert hat, zumindest die Rechtslage eindeutig gewesen: Laut Prüfungsordnung der Fachhochschule Worms sind schriftliche Prüfungen innerhalb von vier Wochen zu bewerten, spätestens aber zwei Wochen vor Beginn des neuen Semesters, das offiziell am 1. September begann. Doch Flach, die Anfang Juli ihre letzte Klausur geschrieben hatte, wartete bis Mitte September immer noch auf ihre Note. Sie erfuhr, dass der korrigierende Professor im Urlaub und nicht zu erreichen sei. Da bekam sie es langsam mit der Angst zu tun.

Die Note erhielt die Studentin zwei Monate zu spät

Von der Uni in Newcastle hatte sie nur ein Studienplatz-Angebot unter Vorbehalt bekommen, geknüpft an die Bedingung, mit einer guten Gesamtnote abzuschließen sowie das Zeugnis und eine vollständige Notenübersicht einzureichen. Dafür hatte sie nur noch bis Ende September Zeit – doch der Termin verstrich. »Vertreter meines Fachbereichs legten mir nahe, doch bei der englischen Uni um Kulanz zu bitten. Das Versäumnis meines Professors blieb also an mir hängen.« Nach nervenaufreibendem Schriftverkehr und zahlreichen Telefonaten konnte sie in Newcastle doch noch ohne das Vorlegen der ausstehenden Note antreten. Erst am 21. Oktober, als das Semester schon längst begonnen hatte, stand dann endlich auch ihre Klausurnote in Worms fest – mehr als zwei Monate zu spät. »Nie kam eine Rückmeldung oder Entschuldigung für diese Verspätung.«

Auf den Fall angesprochen, gibt sich die Hochschulleitung der FH zugeknöpft. Die Frage, ob zu langsame Korrektoren mit Konsequenzen zu rechnen hätten, bleibt in der Stellungnahme unbeantwortet. Lediglich heißt es darin: »Der Mehraufwand, der bei der Verwaltung durch wachsende Studierendenzahlen bei gleichbleibendem Personal zu leisten ist, ist rechtzeitig in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten... Sollte es im Einzelfall zu einer zeitlichen Verzögerung gekommen sein, bedauern wir dies und nehmen dies zum Anlass, unseren internen Prozess weiter zu verbessern.« 

Sicherlich wäre es auch zu einfach, die ganze Schuld ein paar faulen Hochschullehrern zu geben. Durch die neuen Studiengänge und den Andrang auf die Hochschulen seien die Anforderungen an Professoren in der Tat gestiegen, betont Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband (DHV). »Eigentlich gehörte zu den Kernversprechen der Bologna-Reform, dass auch das entsprechende Personal zur Verfügung gestellt wird. Das ist bis heute nicht passiert.« Der daraus entstehende Zeitdruck sei immens.