DIE ZEIT: Sie sind gerade für ein Auslandssemester an der Universität Wolgograd . Wie haben Sie die russischen Parlamentswahlen erlebt?

Christopher Forst: In meinem Wohnheim wurde ein Wahllokal eingerichtet, die Urnen standen auf dem Flur, auf dem mein Zimmer liegt. Im Vorfeld wurde den Studenten eine Belohnung versprochen, wenn sie hier ihre Stimme abgeben.

ZEIT: Was für eine Belohnung?

Forst: Speicherkarten zum Beispiel und USB-Sticks für den Computer.

ZEIT: Und was war der Zweck der Aktion?

Forst: Die Uni hat sich wohl ein besonders gutes Ergebnis für Putins Partei Einiges Russland erhofft. Deshalb gab es auch den Versuch, nicht geheim abstimmen zu lassen, sondern offen.

ZEIT: Das verstößt gegen die Verfassung.

Forst: Die Studenten haben sich massiv dagegen gewehrt. Dem Jahrgangssprecher auf meinem Flur wurde sogar vorübergehend sein Wohnheimplatz entzogen, weil er gegen die offene Abstimmung protestiert und sich für eine oppositionelle Partei engagiert hat. Aber am Ende war der Widerstand erfolgreich.

ZEIT: Haben auch Professoren versucht, die Studenten zu beeinflussen?

Forst: Viele Professoren sind hier selbst kritisch gegenüber dem Kreml eingestellt. Zwei von ihnen haben in ihrem Blog Studenten und Mitarbeiter der Uni aufgerufen, sich nicht unter Druck setzen zu lassen, geheim abzustimmen und dabei nur ihrem Gewissen zu folgen. Danach hat der Rektor sie einbestellt und zwei Stunden lang in die Mangel genommen. Einer sprach hinterher von Gehirnwäsche.