DIE ZEIT: Frau Saalbach: Fühlen Sie sich eigentlich bevormundet?

Silke Saalbach: Nein. Warum?

ZEIT: Die Kultusministerin Baden-Württembergs begründet die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung mit dem Argument, Eltern seien dadurch »unsäglich bevormundet« worden.

Saalbach: Bevormundet würde ich nicht sagen, aber es lastet einfach ein zu großer Druck auf den Eltern und den Kindern. Wir vom Landeselternbeirat fordern deshalb seit Jahren, dass die Eltern über die Wahl der verschiedenen Schultypen entscheiden sollten und nicht die Lehrer.

ZEIT: Wer kann besser entscheiden, welche Schule nach der vierten Klasse die richtige für das Kind ist – die Eltern oder die Lehrer? Was sagen Sie als Leiter einer Grundschule dazu, Herr Burkhardt?

Peter Burkhardt: Natürlich kennen Eltern das Kind viel länger und von seiner privaten Seite her natürlich viel besser. Der Blick der Eltern ist uns deshalb sehr wichtig. Aber: Wir kennen das Kind aus dem Schulalltag und wissen genau, was auf der weiterführenden Schule erwartet wird.

ZEIT: Was ist, wenn die Eltern das nicht so sehen?

Burkhardt: Ja, das kommt vor. Auch an unserer Schule sind bei Eltern schon mal Tränen geflossen, weil sie mit unserer Empfehlung nicht einverstanden waren.

ZEIT: Man sagt auch, Eltern seien nicht selten aus allen Wolken gefallen, wenn sie am Ende der vierten Klasse die Empfehlung für ihre Kinder bekamen. Wurde da eine Front zwischen Eltern und Lehrern aufgebaut, die niemand wollte?

Burkhardt: Wenn es ungünstig lief, sicherlich. An unserer Schule ist jedoch niemand aus allen Wolken gefallen. Unsere Eltern spüren, dass wir die Grundschulempfehlung sehr wichtig nehmen, dass es für uns keine Pflichtaufgabe ist, die Eltern zu beraten. Je mehr Wert wir auf diese Gespräche legen, desto eher stimmen die Eltern uns zu. Es wird dann problematisch, wenn die Lehrer meinen, sie müssten den Eltern sagen, wo es langgeht.

ZEIT: Die Lehrergewerkschaft GEW beschreibt das »Grundschulabitur« als regelrechtes Folterinstrument. Frau Saalbach, wie stark ist der Druck, der auf den Kindern lastet?

Saalbach: Man spürt schon deutlich, wie der Druck von Klasse zwei auf drei zunimmt und sich dann im ersten Halbjahr der vierten Klasse noch einmal steigert. Bei manchen Kindern führt das zu einer Art Bulimielernen, sie pauken für eine Arbeit, um danach gleich wieder alles zu vergessen. Kinderpsychologen haben starken Zulauf aus den vierten Klassen. Das hört man immer wieder. Es gibt Kinder, die entwickeln regelrechte Burn-out-Syndrome, weil sie in der Schule überfordert sind. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder in teure Nachhilfestunden, Zeit für Sport und einfach nur spielen kommt da oft zu kurz.

ZEIT: Durch die Änderung des Schulgesetzes sollen nun ab sofort die Eltern das letzte Wort bei der Entscheidung über die weiterführende Schule haben. Fürchten sich die Gymnasien schon vor Kindern, die dort nicht hingehören, Herr Scholl?

Ralf Scholll: Ich befürchte eher, dass das neue System zu einer noch größeren sozialen Ungerechtigkeit führt als das alte. Wir werden eine Reihe von Kindern aus gut situierten, bildungsnahen Familien bekommen, die eben keine Gymnasialempfehlung mitbringen. Langfristig wird man die Bildungsstandards am Gymnasium weiter nach unten schrauben müssen, um den unterschiedlichen Leistungsniveaus überhaupt noch gerecht zu werden.

ZEIT: Spüren Sie eine Art Erleichterung, dass die Grundschulen nun Verantwortung abgeben können, Herr Burkhardt?

Burkhardt: Ja und nein. Es werden die eher unerfreulichen Gespräche weniger werden, die besonders konfliktbeladen waren. Keiner wird uns mehr den Vorwurf machen können, wir Lehrer verbauten die Zukunft eines Kindes. Aber die Verantwortung bleibt ja.