DIE ZEIT: Frau Del Ponte, wir haben uns sehr lange darum bemüht, Sie zu sprechen. Mit Verweis auf Ihre Rolle als Botschafterin haben Sie immer wieder abgesagt. Ist es eigentlich ein schönes Gefühl, wieder ganz Carla Del Ponte zu sein?

Carla Del Ponte: Ja sicher. Aber ich muss sagen, ich habe als Botschafterin in Argentinien viel gelernt. Ich bin eine perfekte Diplomatin geworden.

ZEIT: Ich glaube Ihnen kein Wort.

Del Ponte: Gut, ich muss gestehen, ich hätte nicht mein ganzes Leben als Botschafterin gearbeitet, aber diese drei Jahre in Argentinien waren für mich sehr gut, es war eine neue Erfahrung. Was fehlte, war die wichtigste Freiheit: dass man sagen kann, was man denkt.

ZEIT: Darf eine Botschafterin sich zu aktuellen Fragen grundsätzlich nicht äußern, oder ist das eine Schweizer Spezialität?

Del Ponte: Nein, ich glaube nicht, dass es spezifisch schweizerisch ist. Die Botschafter bekommen von der Hauptstadt die Themen, zu denen sie sich äußern dürfen.

ZEIT: Sie bekommen eine Themenliste, was Sie sagen dürfen?

Del Ponte: Oh ja, sogar wie man es sagen muss. Sie können keine persönliche Meinung äußern. Die Meinung, die man äußert, ist die Meinung, die von der Hauptstadt kommt. Das war schwer.

ZEIT: Warum haben Sie so einen Job angenommen? Wussten Sie nicht oder ahnten Sie nicht, was auf Sie zukommen würde?

Del Ponte: Doch, doch, ich wusste es. Aber ich hatte es nötig. Ich brauchte einen totalen Kontrast zu dem, was ich früher gemacht hatte. Bundesrätin Calmy-Rey wollte mich weit weg haben. Aber ich bin ihr dankbar, denn Argentinien ist ein schönes, fernes Land. Wir hatten zum Glück nicht viele offizielle Besuche. Die machen nämlich viel Arbeit.

ZEIT: Ich merke, dass auch über diese Jahre Ihr Verhältnis zu Bundesrätin Calmy-Rey nicht enger geworden ist?

Del Ponte: Nein, dazu war es zu spät.

ZEIT: Sie waren viele Jahre die meistgehasste Frau auf dem Balkan, Ihr Leben war in Gefahr. Wie kommt man mit so einem Druck jahrelang klar?

Del Ponte: Das habe ich nicht als Druck empfunden, absolut nicht. Das ist einfach eine faszinierende Arbeit, die man macht. Und eine große Motivation ist die Gerechtigkeit für die Opfer. Der Kontakt mit den Opfern gibt einem enorme Energie und Kraft, durchzukommen.

ZEIT: Bei diesem Kontakt mit den Opfern lernt man schreckliche Details kennen. Sie haben mal gesagt, Sie seien immun gegen das Grauen. Was meinten Sie damit?

Del Ponte: Emotionale Momente hatte ich immer nur beim Kontakt mit den Opfern. Denn dort spüren Sie das Leiden, da lebt das Leiden. Und alle diese Opfer schauen auf die Chefanklägerin als Symbol der Justiz, der Gerechtigkeit. Sie spüren diese Verantwortung. Aber ich bin selber erstaunt, dass ich keine Emotionen empfand, wenn ich Massengräber oder andere Dinge sah. Ja, mit der Zeit wird man etwas hart.