Wenigstens die britischen Banker müssten David Cameron doch dankbar sein. Schließlich sollte sein Nein auf dem jüngsten EU-Gipfel die Interessen des Finanzplatzes London schützen: Verteidigung des angelsächsischen Kapitalismus gegen die Brüsseler Regulierungswut. Aber so einfach ist es nicht. Die City of London zeigt sich recht skeptisch.

Auch nach dem Crash 2008 ist die Finanzindustrie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Großbritannien. Sie beschäftigt weit über eine Million Menschen und erwirtschaftet über zehn Prozent des Bruttoinlandproduktes. Pläne wie die von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy geforderte Einführung einer Transaktionssteuer im Devisenhandel würden sich auf London tatsächlich wesentlich härter auswirken als auf Frankfurt oder Paris, denn in der City wird mehr als ein Drittel des globalen Devisenhandels abgewickelt.

»Dennoch«, glaubt Paul Marshall, Manager eines der größten Londoner Hedgefonds, »hätte man die Finanzindustrie vorher befragt, ob sie mit diesem Ergebnis zufrieden wäre, die Antwort wäre eindeutig Nein gewesen.« Die Aussicht, in Zukunft bei Verhandlungen in Brüssel nicht durch die eigene Regierung vertreten zu sein, schaffe viel mehr Unsicherheit als die Angst vor neuen EU-Regeln, die man selbst mitgestalten kann. Auch Simon Tilford, ein Ökonom am Thinktank Centre for European Reform, glaubt, dass Cameron die City unnötigerweise isoliert hat . »Gerade weil London von der Transaktionssteuer mehr betroffen gewesen wäre als alle anderen Finanzplätze, ist es unwahrscheinlich, dass Deutschland und Frankreich sie jemals durchgesetzt hätten«, sagt er. Noch nie sei Großbritannien bei derartigen Verhandlungen überstimmt worden. »Am Ende ist Brüssel auf Kompromisse gepolt.«

Auch unter den Londoner Bankenaufsehern wird Kritik an Cameron laut. Erst vor ein paar Monaten hatte Schatzkanzler George Osborne die Vorschläge einer unabhängigen Kommission zur Neuregulierung des Bankenwesens akzeptiert – und die gehen in Teilen weit über das hinaus, was in Brüssel verhandelt wird. Vor allem aber hatte er versprochen, sich bei der Gestaltung eines neuen Regelwerks für die Finanzwelt um größtmöglichen internationalen Konsens zu bemühen. »Nur, wer nicht mit am Tisch sitzt, der erreicht gar nichts, schon gar keinen Konsens«, sagt ein führender Beamter der Aufsichtsbehörde FSA.

In der britischen Industrie herrscht noch größere Unruhe. Nach der Krise des Bankensystems sprachen Cameron und Osborne immer wieder davon, die britische Wirtschaft auf eine neue, stabilere Basis zu stellen. Sie beschworen die Reindustrialisierung des Landes. Nach deutschem Vorbild und mit viel staatlichen Subventionen sollen jedes Jahr mehrere Hunderttausend Lehrstellen geschaffen werden. Export soll den Weg aus der Wirtschaftskrise weisen. Für John Cridland, den Vorsitzenden des Industrieverbands CBI, ist dieses Ziel in weite Ferne gerückt. Die Regierung habe den Aufschwung erheblich erschwert, kommentierte er. Noch deutlicher wurde der liberale Wirtschaftsminister Vince Cable. Großbritannien habe einen seiner wichtigsten Standortvorteile verloren, erklärte er verärgert. »Weniger Bürokratie als in Frankreich und Deutschland und der Zugang zum größten Binnenmarkt der Welt, damit konnte Großbritannien ausländische Investoren anlocken. Vom Kontinent abgeschnitten zu sein kann der britischen Industrie nur schaden.«