Bin ich vielleicht Rockefeller ? Nicht allzu viele Sätze sind auf der Welt öfter gefallen als dieser. Und die Menschen, die ihn sagen, um Wünsche oder Ansprüche anderer abzuwimmeln oder einfach nur einen Spaß zu machen – sie haben recht mit dem, was ihre rhetorische Frage suggeriert. Sie sind beileibe nicht wie Rockefeller.

Der Imperiengründer John D. Rockefeller war ein ungewöhnlicher Mann – ungewöhnlich hart zu sich und allen anderen. Besonders rücksichtslos behandelte er die Konkurrenz, und das wollte etwas heißen in den wilden Jahren nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Rockefeller zielte darauf ab, die zersplitterte Ölindustrie der Vereinigten Staaten in einem Konzern zu vereinigen. In seinem Konzern. Mit den rüdesten Methoden drängte er eine Firma nach der anderen ins Aus, um sie dann stillzulegen. Schließlich vereinte Rockefellers Standard Oil 90 Prozent der Ölproduktion im Land. Viele Gründer hatten ihre Firmen verloren, viele Mitarbeiter ihre Jobs. Aber einer hatte alles gewonnen.

So ungewöhnlich der Mann, so gewöhnlich die Geschichte. Die richtig großen Vermögen werden nicht im freundlichen Miteinander geschaffen, sie entstehen im brutalen geschäftlichen Ringen. Das gilt für den Kampf um Goldminen genauso wie beim Aufbau neuer Märkte. Als der gelernte Verkäufer Ray Kroc ein neuartiges, faszinierendes Fast-Food-Lokal in Kalifornien entdeckte, drängte er sich erst den Besitzern auf, den Brüdern McDonald, um sie dann aus dem Geschäft zu werfen. Der Rest ist Wirtschaftsgeschichte.

Wer nun glaubt, so etwas geschehe nur im wilden Amerika, der sollte sich einmal anschauen, wie Gottlieb Daimler von seinen Partnern gleich mehrfach aus dem Unternehmen vertrieben wurde. Pionierzeiten sind Kampfzeiten. Schöpfer und Zerstörer seien die großen Unternehmer, hat Joseph Schumpeter gesagt. Sie schaffen einen Markt, ein Imperium, aber sie zerstören dabei gerne alles, was ihnen im Weg steht. Sind sie erst mal unangefochten und milliardenschwer, dann zeigen sie oft ihre nette Seite, schaffen große Stiftungen, versuchen eine Krankheit auszurotten oder einen Kontinent zu retten. Wenn nicht sie, dann spätestens ihre Kinder.

Geld zu scheffeln ist so gut wie nie das vornehmliche Ziel der großen Unternehmer. Das unterscheidet sie beispielsweise von den Hedgefondsmanagern, die in der Finanzkrise Milliarden machten , indem sie auf den Zusammenbruch von Millionen Hypotheken wetteten. Doch wenn die Unternehmer es erst einmal haben, das große Geld, so halten sie und mehr noch ihre Erben es auch für verdient. Es ist der Beweis ihrer Anstrengung, ihres Glücks, ihrer Überlegenheit. Bald sind die Methoden vergessen, mit denen sie gewannen. Dann wirkt es oft so, als hätte der Gründer den Menschen etwas geschenkt. Vom brutalen Verteilungskampf, der auch Teil fast jeder großen Gründungsgeschichte ist, wird dann kaum mehr geredet.

Bei Bill Gates, dem derzeit vielleicht größten Wohltäter der Menschheit, ist es noch gar nicht lange her, dass er in seiner Branche und weit darüber hinaus verhasst war. Das näselnde Genie aus Seattle legte erst die große IBM aufs Kreuz und schuf sich dann mit einem Betriebssystem (erst MS-DOS, später Windows) für die meisten auf der Welt verkauften Computer beinahe ein Monopol. Das nutzte er schließlich, um Konkurrenten von verwandten Märkten zu verdrängen, egal, ob sie nun ein Schreibprogramm vertrieben oder eine Software zum Navigieren im Internet. Die Konkurrenz klagte in den Medien und vor Gericht, Beamte in Washington und Brüssel ermittelten. Doch ehe ernsthafte Konsequenzen gezogen wurden, war Gates schon der reichste Mann der Welt. Mit der gleichen Konsequenz gründete er dann seine Stiftung , ging Krankheiten und Armutsprobleme in Afrika an und animierte andere Milliardäre, sich ebenfalls dem Gemeinsinn zu verschreiben.

Immer allerdings hatte Gates gesagt, dass er 95 Prozent seines Geldes spenden werde. Seine Kinder sollten sich selbst ihr Vermögen verdienen, schließlich hätten sie schon Startvorteile genug. Damit war er vielen Milliardärsfreunden deutlich an moralischer Einsicht ins Glück des Erfolgreichen voraus.