DIE ZEIT: Herr Bini Smaghi, wieder einmal gab es in Brüssel einen Gipfel , der die Krise beenden sollte. Wird es diesmal klappen?

Lorenzo Bini Smaghi: Der institutionelle Rahmen der Euro-Zone wurde in den vergangenen 18 Monaten in einer Art und Weise reformiert, die vor der Krise nicht vorstellbar gewesen wäre. Jedoch fielen alle Entscheidungen spät und unter dem Druck der Märkte, was die Schwächen des Systems offenlegte. Das könnte auch jetzt drohen, vor allem, wenn die Beschlüsse nicht rasch umgesetzt werden.

ZEIT:Europa hat jetzt Regeln für die Staatsetats. Das hatten Experten immer gefordert.

Bini Smaghi: Es war wichtig, dass sich der Gipfel mit der Finanzpolitik beschäftigt hat. Aber es ist nicht ausreichend. Wenn die neuen Regeln früher schon in Kraft gewesen wären, dann hätte man die Probleme in Griechenland verhindern können, nicht aber in Irland oder Spanien. Beide Länder hatten niedrige Schuldenquoten, die stiegen, weil Immobilienblasen platzten und die Banken gestützt wurden. Wir brauchen Regeln, die auch solche Fehlentwicklungen verhindern. Das bedeutet vor allem eine bessere Finanzregulierung, die Übertreibungen verhindert und die Banken in allen Mitgliedsstaaten davon abhält, in schlechte Anlagen zu investieren.

ZEIT: Das würde die Krise beenden?

Bini Smaghi: Wir sprechen hier über langfristige Maßnahmen. Diese sind wichtig, aber es kann lange dauern, bis sie das Vertrauen der Märkte wiederherstellen. Wenn die Refinanzierungskosten für die Staaten trotz drastischer Einsparungen weiter so hoch bleiben, kann das zu destabilisierenden Entwicklungen führen, die sich selbst verstärken. Dagegen muss etwas getan werden.

ZEIT: Berlin fürchtet, dass großzügige Hilfen die Länder vom Sparen abbringen.

Bini Smaghi: Man muss immer aufpassen, dass es keine Fehlanreize gibt. Zugleich aber hat die Krise gezeigt, dass es zu neuen Problemen führt und die Kosten in die Höhe treiben kann, wenn Maßnahmen zu lange hinausgezögert werden. Wir haben das im Zuge der Pleite von Lehman Brothers in den USA im Jahr 2008 gesehen, zuletzt aber auch in Europa.

ZEIT: Wer soll die Schuldensünder disziplinieren, wenn nicht die Märkte?

Bini Smaghi: Die Märkte sind hilfreich, aber man darf sich nicht allein auf sie verlassen. Vor der Krise haben sie die Kreditrisiken in den verschiedenen Ländern des Währungsraums unterschätzt, jetzt überschätzen sie die Risiken. Einige Euro-Staaten gelten heute als riskanter als viele Schwellenländer. Daher muss die Marktdisziplin durch bindende Regeln ergänzt werden – und durch Maßnahmen gegen Instabilität.