DIE ZEIT: "Sie Schnapphahn! Sie Hatschi-Bratschi, Sie Anthropophag!" – Herr Farr, lernen Ihre Gäste auch so wundervoll fluchen wie Kapitän Haddock, der treue Freund der Comicfigur Tim?

Michael Farr: Natürlich! Fluchen gehört unbedingt zu einer Reise auf den Spuren von Tim und Struppi dazu. Das geht schon gleich am Flughafen los.

ZEIT: Wie bitte? Sie und Ihre Reisegruppe beschimpfen Zollbeamte?

Farr: Nun, nicht ganz so laut, dass sie es hören.

ZEIT: Sie sind einer der führenden Experten der Tim und Struppi-Forschung und kannten den Autor Hergé persönlich. Jetzt begleiten Sie für den britischen Veranstalter "On the Go Tours" Tim-und-Struppi-Reisen nach Ägypten, Jordanien und Indien. Was gehört dabei zu Ihren Aufgaben?

Farr: Ich bin immer mit der Gruppe zusammen und stehe für Fragen zur Verfügung. Mitunter halte ich abends oder während einer Besichtigung auch mal einen kurzen Vortrag. Die Leute sehen mich aber in erster Linie als – zugegeben sehr redselige – Quelle für Anekdoten und Hintergrundwissen.

ZEIT: Was zeigen Sie Ihren Gästen, das besonders tintinesk ist?

Farr: In die Felsenstadt Petra beispielsweise gelangt man durch eine Schlucht, die man als Tourist normalerweise zu Fuß durchwandert. Tim und seine Begleiter erreichen Sie jedoch auf Pferden – das haben wir auch organisiert. Und ich kann Ihnen sagen: Wenn wir auf Petra zureiten, sieht das exakt aus wie in dem Band Kohle an Bord. Oder die Wandmalereien in den altägyptischen Grabkammern. Als Kind kannte ich den Wagen Ramses II. aus dem Band Die Zigarren des Pharao. Auf den Reisen entdeckte ich, dass das reale Fresko exakt genau so aussieht.

ZEIT: Nun sind Petra und die Grabkammern Orte, an denen sich seit Hergés Zeiten wenig verändert hat. Für die Großstädte in Ägypten oder Indien gilt eher das Gegenteil. Wie gehen Sie damit um?

Farr: Die Leute sind nicht naiv. Sie wissen, dass Hergés Zeichnungen mehrere Jahrzehnte alt sind – und freuen sich, wenn sie dennoch Ähnlichkeiten zum heutigen Ägypten oder Indien entdecken. Tatsächlich gibt es mehr, als ich anfangs dachte. Die Reisenden sind sich auch der neuen politischen Situation in Ägypten bewusst und fragen nach. Aber der Detailreichtum von Hergés Zeichnungen führen zugleich dazu, dass in den Büchern eine ganz spezifische Atmosphäre herrscht: Man sieht den Staub der ägyptischen Städte, man riecht die Gerüche Indiens. Und solche Sinneseindrücke erlebt man dort auch heute noch.

ZEIT: Dabei ist Hergé, zumindest in den ersten Jahren, gar nicht selbst gereist. Für seine vorurteilsbeladene Darstellung der Kongolesen im frühen Band von 1931, Tim im Kongo, wurde er sogar stark angegriffen.

Farr: In der Tat. Hergé hat den Band später als "Jugendsünde" bezeichnet und für spätere Ausgaben einige Stellen umgeschrieben. Gleichzeitig spornten ihn die Vorwürfe an, künftig unbedingt wie ein guter Journalist zu arbeiten und die Schauplätze seiner Comics genau zu recherchieren. Er sammelte Unmengen von Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften oder auch aus Reiseprospekten. Später engagierte er Experten, die über die realitätsnahe Wiedergabe von Orten wachten. Für seinen fünften Band etwa, Der blaue Lotos, half ihm ein chinesischer Freund bei der korrekten Darstellung von chinesischen Schriftzeichen und von Shanghai.