Kürzlich sagte eine Bekannte, und sie rieb sich dabei die Hände: »2012 wird das Jahr der Krise.« Das war mit einer gewissen inneren Befriedigung gesprochen. Sie meinte: Dann wird uns endlich das ganze verkehrte System mit einem großen Knall vor die Füße fallen. Dahinter steckte das Gefühl: Lieber Kollaps als Rettung, weil es nur so zu einem umfassenden Neustart kommt. Diesmal sollen die üblichen Verdächtigen nicht davonkommen!

Es gibt diese Hoffnung, der Geduldsfaden möge endlich reißen und dem Establishment der scharfe Wind der Empörung ins Gesicht wehen. Gingen im Sommer nicht in London die Schaufenster des Westens zu Bruch? Versammelte sich in Spanien nicht die verlorene Generation protestierend auf Straßen und Plätzen? Erhoben sich die Israelis nicht gegen die Immobilienspekulation? Und gelingt Occupy Wall Street nicht zumindest symbolisch jene Generalmobilmachung der 99 Prozent, denen das eine Prozent Investmentbanker zu lange auf der Nase herumtanzte?

Doch passt all das nicht auf die deutschen Zustände. Wir haben Verhältnisse von beneidenswerter Stabilität. Das politische System ist herausgefordert wie schon lange nicht mehr, die Institutionen arbeiten unter erhöhtem Adrenalinpegel, aber störungsfrei. Failing states sehen anders aus. Das deutsche System beweist sich gerade als Schlechtwetterdemokratie. Weshalb man den Eindruck gewinnt, dass es gerade diese Stabilität ist, die im Publikum für Überdruss sorgt.

Politiker sagen zwar gerne, die Bürger erwarteten die Lösung der Probleme. Das stimmt aber nur zum einen Teil. Die Bürger sind auch Affektwesen, die mit ihren politischen Emotionen nicht alleine gelassen werden möchten. Die Bearbeitung der Wirklichkeit ist ihnen zu wenig, sie wollen auch etwas fürs Gemüt. Den verbreitetsten Ausdruck findet dieses Bedürfnis in der seit Jahren umlaufenden Klage, die Parteien seien ununterscheidbar geworden und böten keine echten Alternativen. Wie diese Alternativen aber in einem ausdifferenzierten Parteiensystem aussehen könnten, bleibt völlig schleierhaft. Immerhin kann man von links-sozialistisch bis zu öko-bürgerlich, von sozialdemokratisch über konservativ-pragmatisch bis zu neoliberal fast alles wählen, was das Herz begehrt. Das Einzige, was das deutsche Elektorat trotz ständiger Kassandrarufe nicht hervorgebracht hat, ist eine dezidiert ausländerfeindliche Partei. Und wenn dem etablierten Parteiensystem wirklich einmal alle Fühler für ein epochales Innovationsthema wie das Internet abgehen, bringt es wie im Lehrbuch eine neue Partei mit intellektueller Substanz und Sexappeal hervor und lässt sie mit neun Prozent in das Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. Verkrustung sieht anders aus.

Wir haben die paradoxe Lage eines faktisch stabilen politischen Systems, das aber in seiner Selbstthematisierung voller Freudlosigkeit, Politikmüdigkeit, Selbsthass und Ennui ist. Dieser Seelenjammer ist älter als die Finanzkrise von 2008. Er hat sich aber aus verständlichen Gründen verschärft. Denn dass man die Volkswirtschaften nur retten kann, indem man jene Ökonomie stabilisiert, die mit ihren aberwitzigen Irrationalismen die Krise mithervorgebracht hat, kommt unserem Bedürfnis nach Bestrafung der Schuldigen nicht entgegen. Da wünscht sich mancher lieber eine weitere Zuspitzung der Krise, bis vom System und seinen Profiteuren nichts mehr übrig bleibt.

Indes ist die Weltgeschichte kein Ort der Katharsis und der moralischen Ausgleichszahlungen. Und ein Land wie Deutschland mit seinem zweiten Wirtschaftswunder, seinen Exportüberschüssen, seiner hervorragend funktionierenden Verwaltung und seiner historisch außergewöhnlich niedrigen Arbeitslosigkeit hätte viel zu verlieren bei einem solchen Systemabbruch. Man kann schon verstehen, warum sich das Land lieber an maßvoller politischer Klugheit orientiert, statt sich das große Schauspiel zu gönnen, sich um jeden Preis an den Finanzmärkten zu rächen.