Die Vorweihnachtszeit ist eine gute Zeit für Sammler, die wenig Geld haben – oder wenig Geld ausgeben wollen. Denn traditionell gegen Ende des Jahres bieten viele der sich eigentlich als nicht kommerziell verstehenden Kunstvereine sogenannte Jahresgaben zum Kauf an: Die Werke stammen von mit den Vereinen verbundenen Künstlern und sind recht günstig im Preis, weil es sich zumeist um Editionen handelt. Auch Nichtsammler, die nach einem Weihnachtsgeschenk zum An-die-Wand-Hängen suchen oder in der glücklichen Lage sind, Weihnachtsgeld und Boni loswerden zu müssen, sollten sich in den kommenden Tagen bei ihrem örtlichen Kunstverein umsehen.

Das Jahresgabengeschäft ist zudem fast so etwas wie eine gute Tat: Die Käufer bekommen echte Kunst, dafür bekommen die Künstler und die Vereine – die beide ansonsten eher mit symbolischem Kapital handeln – ein wenig echtes Geld. In München kommt dabei immerhin so viel zusammen, dass der dortige Kunstverein von seinem jährlichen Weihnachtsmarkt mindestens eine komplette Ausstellung des kommenden Jahres finanzieren kann.

Diesmal werden in München besonders viele Gaben angeboten, mehr als zweihundert Werke von 67 verschiedenen Künstlern – vom 12. bis zum 18. Dezember werden sie im ehemaligen Amerikahaus am Karolinenplatz gezeigt, da die Räume des Kunstvereins im Hofgarten gerade saniert werden. Unter den Ausgestellten, so scheint es, ist ein Großteil der Münchner Szene vertreten, von dem illustrativ arbeitenden Justin Almquist über die auch in der Kunst beheimatete Modedesignerin Ayzit Bostan bis hin zum Maler Florian Süßmayer – Letzterer bietet eine 140 mal 110 Zentimeter große, Bahamas betitelte Leinwand an, auf die er mit »Öl und Dreck« Palmen gemalt hat (Preis: 6.000 Euro). Der Fotograf und Zeichner Martin Fengel – ZEIT- Lesern durch seine Illustrationen für die Martenstein -Kolumne bekannt – hat den Siebdruck eines surfenden und dabei halluzinogen mit den Augen rollenden Kapitäns beigetragen (Auflage: 100, Preis: 100 Euro). Michaela Meliáns mit bunten Fäden benähte, zweiseitige Bilaterale Zeichnungen kosten zwischen 500 und 2.000 Euro.

Beim Münchner Kunstverein muss man – wie bei den meisten Kunstvereinen – Mitglied sein, um Jahresgaben kaufen zu dürfen, doch sollte dieser Jahresmitgliedspreis von 60 Euro für Kaufwillige kein allzu großes Hindernis darstellen. Andere Kunstvereine schlagen für Nichtmitglieder einfach eine gewisse Summe auf. Im Hamburger Kunstverein ist die Auswahl an Jahresgaben sehr viel reduzierter, zu dem guten Dutzend Künstlern, das etwas geliefert hat, zählen jedoch die bei Kollegen, Kuratoren und Sammlern beliebten Künstler Thea Djordjadze, Henning Bohl und Roman Schramm. Schramm hat den Turnschuh Easytone von Reebok fotografisch in verschiedenen Farben vor verschiedenen getönten Hintergründen inszeniert (16 Unikate, jeweils 800 Euro) und spielt so mit dem Versprechen der Turnschuhindustrie an den Konsumenten, sich durch die eigene Farbzusammenstellung den ultimativ individuellen Schuh aussuchen zu können. Mit dem Modell Easytone hat sich Schramm dabei für sein Farbenspiel ein ganz spezielles Produkt der Bedürfnis schaffenden Industrie ausgesucht, denn durch das Tragen dieses Schuhs, so versprach es ehedem die Reebok-Werbung, bekämen Frauen quasi automatisch einen straffen Po.

Immer mehr der insgesamt knapp dreihundert Kunstvereine in Deutschland bieten als Jahresgaben inzwischen auch Unikate wie Schramms Farbvarianten an: Im Bonner Kunstverein gibt es drei Aquarelle von André Butzer (jeweils 1.700 Euro) und drei Collagen von Andy Hope 1930 (jeweils 1.500 Euro) zu kaufen, im Kölnischen Kunstverein vier Zeichnungen von Lutz Braun (je 850 Euro) und zwei Pastelle von Nick Mauss (mit Rahmen jeweils für 3.000 Euro). Die allermeisten deutschen Kunstvereine verstehen sich nach wie vor als nicht kommerzielle Orte, die marktfern agieren, doch mit Arbeiten wie denen von Thea Djordjadze oder André Butzer werden sie trotzdem auch zu Anlaufstationen für spekulative Sammler. Und warum auch nicht?

Die Hamburger Jahresgabe von Gerhard Richter aus dem Jahr 1973 ist heute in jedem Fall ein Vielfaches ihres Ursprungspreises wert. Und auch von den aktuellen Jahresgaben sollen einige schon jetzt vergriffen sein.

Doch nicht alle verkaufen sich von selbst, es gibt schließlich starke Konkurrenz von Kunstmagazinen und Kunstbuchverlagen, die ebenfalls mit Editionen handeln, und so bieten viele Kunstvereine Restposten der vergangenen Jahre auch jetzt wieder an. Beim Frankfurter Kunstverein gibt es beispielsweise neben einer in diesem Jahr entstandenen, einen Kamin praktischerweise ersetzenden Feuerchen! -Skulptur von Ragnar Kjartansson (30 Unikate aus angemalter und ausgesägter Spanplatte, jeweils 500 Euro) auch noch Siebdrucke von Gerard Fromangers aus dem Jahr 1970 im Angebot (Auflage: 90, Preis 100 Euro), die ganz wunderbar die Ästhetik jener Zeit atmen.

Auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine findet man sogar ein umfassendes Archiv mit über tausend Kunstwerken, die bei den Jahresgabenverkäufen in ganz Deutschland übrig geblieben sind. Hier wird man auch im Januar noch großartige Kunst zu kleinen Preisen finden.