Da draußen, in den Straßen und den Gassen, auf den Plätzen und den Märkten, da wimmelt das Leben. Da gibt es alles in Überfülle: Grabsteine, auf denen das Sterbedatum fehlt, hupende Staus, abgewrackte Eckkneipen, Männer, die in Bademantel und Schluffen von ihren Hunden spazieren geführt werden, verschnörkelte Messingklingelschilder, schreiende Gemüsehändler, Hinterhöfe mit verwitterten Brunnen. Diese überbordende Gleichzeitigkeit, dieses wahrnehmungsfilterlose Drauflosgucken, das ist die Welt des 36-jährigen Berliner Autors Albrecht Selge. Und auch die von August Kreutzer, des Helden in Albrecht Selges Romandebüt Wach .

August Kreutzer, Mitte dreißig, ist ein Mann des Bürgertums. Seine Kenntnis der klassischen Musik ist bemerkenswert. In seiner akkurat eingerichteten Wohnung steht ein Blüthner-Klavier mit Noten von Chopin, Schubert und Debussy. Seine Freundin – die wie er BWL studierte und deren Existenz im Laufe des Romans in immer weitere Ferne rückt – lernte er in einer Mahler-Vorlesung kennen. Er hat eine feste Anstellung im Management eines gigantesken Einkaufszentrums und wird vom Chef protegiert. Aber all das, diese feste Schutzschicht des bürgerlichen Daseins, hält ihn nicht davon ab, sich aus seinem Leben davonzustehlen, aus ihm herauszulaufen: erst entspannt spazieren gehend, dann getrieben und am Schluss ziellos und runtergeschaltet.

Kreutzer bei seiner Degeneration zuzusehen, davon handelt diese Geschichte, die eigentlich weniger eine Geschichte als eine große Wanderung ist, eine Aneinanderreihung von Beobachtungen, Denkfragmenten, von Erlaufenem. Der Roman wird damit zur Hommage an die Flaneure der zwanziger Jahre, an die Franz Hessels und Walter Benjamins, »die sich vor Schaufenstern und Auslagen die Augen aus dem Kopf gucken konnten«, wie Selge schreibt.

Aber es ist mehr als das: August Kreutzer ist die Neuerfindung der Flaneurfigur für unser Jahrhundert der ungebremsten Beschleunigung, in dem die kindliche Entdeckerfreude, die alle Flaneure von jeher antreibt, zu einem gefährlichen Begleiter wird. Kreutzer versinkt in seinen Beobachtungen, kann sich nicht mehr stoppen, kann nicht mehr schlafen, bleibt fünf Wochen im Trancezustand wach. Er erleidet einen Flaneur-Burn-out.

Wer Albrecht Selge, den Schöpfer Kreutzers, triff, merkt auf den ersten Blick: Der Mann hat nichts gemein mit diesem getriebenen Eigentümler; er spricht bedacht, sein Gang ist gemächlich.

Wir sind zum Spazierengehen verabredet, am Berliner Hauptbahnhof, Mittwochmorgen, kurz nach neun. Selge, olivgrüner Pullover, Jeans, braune Schuhe, hat seine beiden Kinder in die Kita gebracht. Jetzt können wir loslaufen, durch seine Stadt, durch sein Viertel Moabit. Hinter einem gedrungenen blassbeigefarbenen Portal, schräg gegenüber vom Hauptbahnhof, verlassen wir die Großstadthektik, durchqueren lichte Grünflächen, von alten Gefängnismauern aus Preußenzeiten umsäumt. Dahinter reiht sich Schrebergarten an Schrebergarten. »In Parzelle 1, ganz am Ende, stand früher ein Maisfeld«, sagt Selge. Eines, »das sich auf zehn mal zehn Metern zwischen einem Wohnhaus und den Bahngleisen verbirgt«, steht in seinem Buch. Und so, wie dieses Buch aus permanent ungewohnter Perspektive in die verborgenen Winkel der Metropole leuchtet, so ist ein Spaziergang mit seinem Autor eine Erkundungstour der scheinbar nebensächlichen Einzelheiten. Eine Tour durch die großstädtische »Nebendraußenwelt«, wie Hermann Lenz die kleinen unübersichtlichen Seitengelasse des Lebens nannte, die man im Hauptgeschäftsverkehr des Daseins leicht übersieht.

»Da drüben«, sagt Albrecht Selge und zeigt in eine Seitenstraße beim Amtsgericht Tiergarten, »ist seit Tagen eine wundervolle Baustelle. Es qualmt den ganzen Tag aus dem Boden, wie in New York.« Selge grüßt seinen Pfeife rauchenden Buchhändler, erzählt von zwielichtigen Paten, die, gerade im Gericht freigesprochen, in einem der Spelunken an der Turmstraße teuren Champagner orderten, den die Besitzer erst eilends woanders besorgen mussten, und von Neonazis, die hier neulich gegen Kinderschänder protestierten. Inmitten der rasenden Veränderung der Stadt, wird Selge zum Chronisten des Noch-Daseins, zum Aufdecker des Übersehenen.