Marine Le Pens Abgeordnetenbüro im Straßburger Europaparlament ist nicht größer als ein Kabuff, die Tür zur dazugehörigen Nasszelle mit Dusche und Toilette steht offen. Auf dem Schreibtisch fliegt Zeug herum, ihre Zigaretten, ein Tütchen Süßstoff, das iPhone hängt am Ladekabel, eine Reisetasche liegt zerknautscht auf der Fensterbank. Das Büro strahlt eine nicht unangenehme Lässigkeit aus, es wirkt nicht so, als hätte Marine Le Pen sich auf den Journalisten- und Fotografenbesuch vorbereitet.

Sie sieht etwas müde, aber gut aus in ihrem dunkelblauen Blazer und ihrer weißen Bluse, sie wird viel lachen in den folgenden anderthalb Stunden, ist gesprächig, will über dies und das plaudern, dass sie die Gala liebe, über ihre Work-Life-Balance, dass es schwer sei, Freundschaften zu pflegen, wenn man so viel arbeite. Ihre Sommerferien verbringe sie mit ihren Kindern, den 12-jährigen Zwillingen Mathilde und Louis und der 13 Jahre alten Jehanne, immer in der Bretagne. Dann gehen sie zum Strand und sammeln Muscheln, fahren mit dem Bötchen raus, gehen reiten. "Oder wir machen den lieben langen Tag gar nichts, absolut nichts", sagt sie. "Ich sehe die Kinder ja sonst so selten, weil ich viel unterwegs bin. Sie werden so schnell groß, plötzlich sind sie erwachsen." Sie lächelt, wie eine Mutter eben lächelt, wenn sie von ihren Kindern spricht.

Marine Le Pen ist die Kandidatin der rechtsextremen Partei Front National bei den kommenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Sie kann, man muss es so sagen, ziemlich nett sein. Während des Interviews bemüht sie sich um Freundlichkeit, wird nicht müde, um die Gunst ihrer Gesprächspartnerin zu werben, wird "unter uns Frauen" sprechen, als gäbe es eine kleine Chance, die Journalistin aus Deutschland – eher vom Typ liberal eingestellte Biomarktkundin, wie Marine Le Pen sie erklärtermaßen nicht ausstehen kann – vom Nationalismus zu überzeugen. Auch die Leser des ZEITmagazins sollen verstehen, dass ihre politischen Ideen gut und vernünftig sind. Nachdem ihr Pressesprecher ein paar Monate lang auf Interviewanfragen immer nur sehr freundlich geantwortet hatte, er werde bald zurückrufen, hat Marine Le Pen endlich zum Gespräch eingeladen. Die nicht französischen Journalisten, sagt sie, hätten schon viel besser verstanden, dass sie, Marine Le Pen, doch wohl gar nicht so schlimm sei.

Die "Entteufelung" des Front National, die dédiabolisation, ist Marine Le Pens erklärte politische Mission. Seit der Gründung des Front National in den siebziger Jahren fürchten viele Franzosen, dass die radikale Partei eines Tages den Präsidenten stellen könnte, der in Frankreich direkt vom Volk gewählt wird. Der Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen, Marine Le Pens Vater, trat fünfmal an, 2002 schaffte er es wegen des schlechten Abschneidens des sozialistischen Kandidaten knapp in die Stichwahl des zweiten Wahlgangs. Für den Front National war das Ergebnis der größte Erfolg seiner Geschichte, für die meisten Franzosen ein Schock. Noch am selben Abend gab es im ganzen Land Anti-Le-Pen-Demonstrationen. Jacques Chirac wurde schließlich mit über 80 Prozent im Amt bestätigt, mit großem Abstand das beste Ergebnis, das ein französischer Präsident je erzielte.

Marine Le Pen ist das neue Gesicht des Front National, und der Albtraum von 2002 könnte sich wiederholen. Sie ist 43 Jahre alt, hat blonde Strähnchen im Haar und trug bei ihrem ersten Auftritt als Parteivorsitzende Anfang des Jahres Pumps, Kleid und Blazer. Sie will, dass der Front National als normale, demokratische, ja moderne Partei wahrgenommen wird. Und es spricht einiges dafür, dass es ihr gelingen könnte. Kurz nachdem Marine Le Pen den Parteivorsitz von ihrem Vater übernommen hatte, gaben in einer Umfrage 23 Prozent der Befragten an, sie als Präsidentin wählen zu wollen – sie lag damit vor den Kandidaten aller anderen Parteien. Marine Le Pens Chancen, beim ersten Wahlgang viele Stimmen zu bekommen, stehen gut, sodass sie es vielleicht in die Stichwahl schafft. Es heißt, ihr Pressesprecher, den sie ebenfalls von ihrem Vater übernommen hat, habe noch nie so viel Spaß an der Arbeit gehabt, so viele Anfragen habe es seit Anfang des Jahres gegeben. Den alten Le Pen ignorierten viele Medien, um ihm kein Forum für seine Tiraden zu geben, Marine Le Pen dagegen weiß sich zu benehmen. Das amerikanische Magazin Time wählte sie auf seine Liste der einflussreichsten Menschen 2011. Man könnte sagen, dass es zu ihrem Erfolg gehört, wenn auch Medien wie das ZEITmagazin sich mit ihr befassen. Man könnte aber auch sagen, dass es notwendig ist, sich mit ihr zu befassen, gerade weil sie so normal und zivilisiert zu sein scheint.

In Frankreich ist Marine Le Pen die politische Aufsteigerin des Jahres. In einer Zeit, in der nach den Anschlägen in Norwegen und der Enttarnung der Zwickauer Zelle europaweit eine neue Furcht vor rechtem Terror entstanden ist, kommt ihre Version des Extremismus fast etabliert daher. Man fragt sich, was das bedeutet: Muss man vor dem Front National mit ihr, einer Frau, an der Spitze nun weniger oder mehr Angst haben als zuvor? Wer ist gefährlicher: Vater oder Tochter? Wie modern kann man sein, wenn man von einer der wichtigsten Figuren des europäischen Rechtsextremismus erzogen wurde?

Die Franzosen kennen Marine Le Pen schon, seit sie ein Kind ist. Boulevardzeitschriften zeigten Bilder von Jean-Marie Le Pen mit seiner hübschen Frau und seinen drei Töchtern: Marine Le Pen als blondes Mädchen im rosa-weiß karierten Kleid auf dem Arm der Mutter. Als sie ein Teenager war, sah man sie im Fernsehen in ihren Achtziger-Jahre-Jeans durch den Garten des elterlichen Sommerhauses in der Bretagne springen. Marine Le Pen selbst verfasste vor ein paar Jahren eine Autobiografie über ihre Kindheit als Tochter des meistgehassten Mannes Frankreichs. Darin schildert sie, dass sie unter den Hänseleien in der Schule litt, die für sie und ihre Schwestern umso schwerer zu ertragen waren, weil zum einen die Lehrer nicht auf ihrer Seite waren – ein Lehrer hatte einmal "Vater Faschist" an den Rand einer Klassenarbeit der ältesten der drei Schwestern notiert. Zum anderen half es auch nicht, dass Jean-Marie Le Pen auf die Klagen seiner Töchter nur erwiderte: "Seid froh, dass kein Krieg ist und ihr nicht nackt im Schnee erfrieren müsst." Er für seinen Teil hatte während des Algerienkrieges Ende der fünfziger Jahre als Fremdenlegionär mit Elektroschocks und Scheinexekutionen gefoltert, weil es, wie er später sagte, "getan werden musste".