Als der Kalte Krieg zu Ende war und George Bush der Ältere die neue Weltordnung ausrief, hielt James Bond tapfer dagegen. Neuer Frieden? Überall Demokratie? Von wegen. Ohne seinen kommunistischen Feind, so erfuhr der Zuschauer in Die Welt ist nicht genug (1999), verlernt der Kapitalismus seine Manieren. Und als bedürfe es dafür noch eines Beweises, verwandelte der Film die kapitalistische Weltgesellschaft in eine neue, tragisch-blutige Antike. Schon die Namen sagten alles. Der ermordete Industriekapitän und brutale Global Player war der King, seine Tochter trug den Namen Elektra, und die schöne Retterin, mit der James Bond in der Kuschelkrippe verschwindet, hieß, nun ja: Christmas.

Das ist satter Stoff, und er reicht selbst noch für eine neue Folge von Mission: Impossible. In Phantom Protokoll ist die Welt nun so richtig durcheinander, und es herrscht ein wildes anarchistisches Chaos. Der Terrorist ist hier die logische Gestalt der Anarchie, gleichsam das Musterexemplar entstaatlichter Gewalt. Am schlimmsten sind die Verrückten, die so vernünftig reden wie Naturwissenschaftler. Der Bösewicht heißt Kurt Hendricks (Michael Nyqvist) und glaubt allen Ernstes, er wäre eine Art Mittelsmann der Evolution. Die Evolution, doziert er, habe die Vernichtung des Menschengeschlechts fest eingeplant, und was ohnehin geschehen werde, das dürfe man ruhig ein bisschen beschleunigen. Jedenfalls will dieser Dr. No nicht länger warten und beschließt, einen Atomkrieg anzuzetteln, um zu sehen, wie strahlend die Erde am Tag danach aussieht.

Ethan Hunt, der für "unmögliche Missionen" zuständige Ausputzer (Tom Cruise), will aber gar nicht wissen, wie es am day after aussieht, und zieht los, um das nukleare Feuerwerk zu verhindern. Leider weiß er nicht genau, wer im Weltenchaos Freund und wer Feind ist, und die Killer-Apps und biometrischen Scanner auf seinem aufgerüsteten iPad helfen bei der Feinderkennung nicht wirklich. Als dann auch noch der Kreml in die Luft fliegt und eine gefährliche Verstimmung zwischen Russland und Amerika droht, muss er mit seinem Team auf eigene Faust den Teufel jagen, einmal rund um den Globus, mit tollen Stunts zwischen Budapest und Moskau, Vancouver und Dubai.


Mission: Impossible
hat allerdings ein Problem, und das sind seine Hightech-Gerätschaften. Bei James Bond bekam man Kinderaugen, wenn der automobile Raketenwerfer aus dem Kofferraum klappte, wenn Agent 007 seine kuriose Röntgenbrille in Gebrauch nahm oder die Armbanduhr mit Miniseilwinde und Leuchtkomponente. Gegen diese Erfindungen aus dem analogen Zeitalter wirken Ethan Hunts digitale Gadgets, zum Beispiel der lustige Raumverknappungssimulator zur Ablenkung von schlafmützigem Wachpersonal, so überraschungslos perfekt, dass man sich über nichts mehr wundert. Weil der Regisseur Brad Bird das gemerkt hat, sind gut funktionierende Funktionsstörungen eingebaut, und dann quittiert der neue Saugnapfhandschuh, mit dem Ethan Hunt am Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai wie ein Gecko himmelwärts turnt, plötzlich seinen Dienst. Handfeuerwaffen benutzt dieser Held inzwischen selten, nur die militärisch übermotivierten Russen ballern wild aus allen Rohren, dafür aber todsicher daneben. Überhaupt bleibt der Beitrag des Films zur Völkerverständigung überschaubar. Die Russen, um nur ein Klischee zu nennen, sind die naturtrüben, in Alkohol eingelegten Dumpfbacken, die vor falschen Generälen mit falschen Bärten salutieren, ihre Frauen sind traditionell wasserstoffblond, hinterlistig und rund um die Uhr scharf auf Diamanten.

Es gibt noch ein zweites Problem des Films, und das heißt Tom Cruise. Was immer er anfasst, er bleibt der humorfreie Saubermann, der so aussieht, als trainiere er seine Hochglanzmännlichkeit pedantisch in der Muckibude und lasse sich dabei von lautlos vorbeihuschenden Scientologen mit frisch gepresstem Vitaminsaft abfüllen. Wirklich ärgerlich ist allerdings dies: Im Vergleich zu Ethan Hunt kutschiert James Bond nicht nur die originelleren Autos, er fährt sie auch liebevoller zu Schrott und freut sich diebisch über den finalen Klumpen Edelmetall. Wenn Hunt mit seinem überteuerten Yuppie-Schlitten aus einer Münchner Premium-Produktion seitlich auf eine Straßensperre knallt, geht es danach erst einmal ohne Kratzer im Blech weiter, und vermutlich setzt er dabei auch noch brav den Blinker. Seit wann fürchtet ein Top-Agent Punkte in Flensburg?

Womöglich gibt es sogar eine Botschaft des Films. Die Welt, könnte sie lauten, ist zwar immer noch schön anzuschauen (allein die Wüste in Dubai!), läuft aber derzeit schwer aus dem Ruder. Der Westen hat sich überall ausgebreitet, selbst die russischen Grobmotoriker gehören inzwischen zur großen Weltunordnungsgemeinschaft. Nur eines hat sich nicht geändert: Atomwaffen sind noch immer des Teufels, sie sind das "Unvorstellbare", erst recht, wenn Terroristen ihren Abschusscode kennen. Auffallend oft beschwört der Film jedenfalls die "Vernichtung", er raunt vom "Unvorstellbaren", von der Apokalypse und anderen Untergängen – ganz so, als befände sich Phantom Protokoll auf therapeutischer Mission, um die schreckhafte Weltseele wieder ins Lot zu bringen. Tatsächlich ist die Zivilisation ja mit allerhand Unvorstellbarem beschäftigt, zum Beispiel mit der fleißigen Aufheizung der Erdkugel, was, mit kühlem Kopf betrachtet, eine beachtliche Leistung darstellt und eine Menge Angst-Emissionen freisetzt.

Mission: Impossible bekämpft diese Angst, indem er dem Unvorstellbaren ein grundböses Gesicht verpasst. Der Film, heißt das, personalisiert die Angst, er lenkt sie um auf den wahnsinnigen Kurt Hendricks, den durchgeknallten Amokläufer mit einer Grundstörung im Mentalbereich. Und noch bevor irgendein Zuschauer ins Grübeln kommt, noch bevor er sich fragen kann, ob nicht die Zivilisation insgesamt verrückt ist, kommt der Weltordnungshüter Tom Cruise mit seinem Saugnapfhandschuh und verhindert das "Unvorstellbare", die Selbsteindampfung unseren schönen Planeten. Wir werden diesen Mann noch oft brauchen.