Die Stimmen kommen von überall her – leise, flüsternd, nagend und unerbittlich, sie gehören den Erinnyen, den Rachegeistern der griechischen Sagenwelt. Sie sind die Aasgeier gepeinigter Seelen. Aber nicht erst seit Sigmund Freud ahnen wir, dass die Erinnyen in uns sind und darauf warten, ihr Zerstörungswerk aufzunehmen. Orest ist ihr idealer Kandidat.

Wer den Orest als Mörder seiner Mutter Klytämnestra nur aus Strauss' Oper Elektra kennt, der muss bei Euripides weiterlesen. Bei ihm wird die blutige Schraube des Atridenfluchs abermals weitergedreht. Orest, wahnsinnig geworden, wird von Schwester Elektra aufgestachelt, nun auch Helena zu ermorden, die Schwester Klytämnestras und Ursache allen trojanischen Übels. Vor Helenas Tochter Hermione schrickt der Umdüsterte jedoch zurück – sie zeigte ihm ein offenes Gesicht, das ihn, den unschuldig zur Schuld Geborenen, unverwandt, fast bittend anblickte. Beide wurden ein seltsames Paar, aber immerhin.

Diesem großen Rächer, den die Erinnyen verfolgen, widmet der Komponist Manfred Trojahn sein jüngstes Musiktheaterwerk – es heißt Orest und wurde jetzt an der Nederlandse Opera in Amsterdam uraufgeführt. Mit 80 Minuten Dauer ist es kurz, aber brennend intensiv. Es beginnt mit grausamer Flüsterpost – einem sechsstimmigen Frauenchor. Manchmal singen sie in Terzen, manchmal in quälend engen Akkordtrauben. Vor allem klingen sie aus Lautsprechern und im Pianissimo so laut, dass sie die Geigen übertönen. Das wollte der Komponist so.

Orest ist nicht in bester Stimmung für diese Stimmen, ihn quälen Dämonen. Und der schlimmste sieht aus wie seine tote Mutter im Nerzmantel. Katie Mitchell, die englische Regieberserkerin, die mit ihrer Salzburger Nono-Inszenierung Al gran sole vor zwei Jahren überwältigte, topft die Mythe nicht nur in unsere Gegenwart um, sie bedient auch das Feuerwerk der Psychologie. Mit ihren Ausstattern Giles Cadle und Vicki Mortimer hat sie eine Villa zum lebendigen Setzkasten aufgeschnitten; man blickt in alle Stockwerke und Zimmer gleichzeitig. Unten das weitläufige Erdgeschoss mit imperialem Wohnzimmer, darin ein nervöser Herr (es ist Orest), der auf einem Sofa liegt, Kette raucht und dann und wann einen Arzt oder eine Ambulanzschwester vorlässt; links leuchtet ein Weihnachtsbaum, dahinter prangt ein Flügel. Gehobene Einkommensverhältnisse. Im ersten Obergeschoss sehen wir allerdings die frischen Folgen jener Untat: ein mit Blut besudeltes Schlafzimmer der Klytämnestra, das längst die Spurensicherung in Beschlag genommen hat, Absperrbänder hindern Unbefugte am Zutritt. Egal, Elektra spaziert überall hinein, in ihrem Blick ist die Sucht nach Rache, und wer die schöne strenge Frau in Amsterdam anschaut, muss an Ulrike Meinhof denken.

Da Realität, Traum und Wahn in Trojahns Oper einander unablässig durchdringen, ist die Allgegenwart von Phantomen und Doubles in den Räumen der Villa gleichsam einkomponiert. Manchmal scheinen die Figuren durch die Räume zu schweben. Dass Apoll und Dionysos zu einer Figur zusammengezogen werden, geht auf Trojahns Konzept zurück; der Komponist hat diesmal sein Libretto selbst verfasst und mit Retuschen am originalen Euripides nicht gegeizt. Den Text versteht man zum Glück bestens, weil Trojahn das Orchester mit der Ökonomie des Opern-Pragmatikers führt. Er mag es leise. Trotzdem ist er kein Kostverächter, und Tranquilizer bekommt Orest nur von ärztlicher Seite verordnet. In den Momenten des Entsetzens wütet der Familienfluch offen im Aufruhr der Musik, und das schwere Blech schießt sich den Weg zum Ohr des Hörers frei. Gift fließt aber auch, beinahe unmerklich, durch die Kapillaren des Klangs, wenn etwa Piccoloflöte und Kontrafagott sich zu einem bittersüßen Unisono vereinigen oder wenn die Streicher in einem verdächtigen Durakkord flimmern.

Es gibt viele solcher Stellen, da Trojahn das dissonant Zerklüftete und das harmonisch Befriedete einander sehr nahe kommen lässt – man darf es als Einblick in die Situation einer desaströsen Familie nehmen, bei der Liebe und Zerstörung die Seiten einer antiken Drachme sind. Dass Trojahn die Oboengruppe mit dem tiefgelegten Heckelphon grundiert, ist mehr als nur eine Reminiszenz an Strauss’ Elektra – es ist ein nostalgischer Gruß an eine schwere ferne Klangwelt, an samtdunkle Melodien, an das Umbra archaischer Holzbläser. Daneben greift Trojahn allerdings erstmals zu den Mitteln elektronischer Übertragung. Die vokalen Halluzinationen, denen Orest ausgesetzt ist, beschwört er aus Surround-Lautsprechern.