Politik erfordert Intelligenz, Durchhaltekraft (siehe "Aussitzen"), Eitelkeit und (etwas) Charakter, keine Promotion. Konrad Adenauer, einer der Größten, hat sein zweites juristisches Staatsexamen gerade mal mit "ausreichend" bestanden, und Gerhard Schröder kann sich nur mit der Ehrendoktorwürde schmücken. Aus beiden ist viel geworden. Amerikanische und britische Regierungschefs haben sowieso keinen Ph.D. oder D.Phil.

Karl-Theodor zu Guttenberg darf man eine gute Portion IQ, Standfestigkeit und Selbstliebe bescheinigen. Die Sache mit dem Charakter wollen wir in postmodernen Zeiten (anything goes) nicht so eng sehen. Stattdessen halten wir es mit der Kanzlerin, die bekanntlich einen Minister, keinen Gelehrten wollte. Und neuerdings mit Neelie Kroes, der EU-Kommissarin mit Zuständigkeit fürs Digitale, die "KT" zum Berater für Internetfreiheit erhoben hat, und zwar mit der Maßgabe, dass sie "keine Heilige, sondern Talente" wolle.

Die deutschen Medien haben auf die Ernennung mit der üblichen Empörung reagiert; die sei "unsensibel und grotesk", meint etwa der Kommentator der Süddeutschen Zeitung. Dieser Reflex ist mit dem gebotenen Nachdruck zu geißeln. Die Anglos gehen in solchen Fällen viel pragmatischer vor. In England sind große Safecracker von Sicherheitsfirmen und Scotland Yard angeheuert worden – nach der Devise It takes a thief to catch a thief, etwa: Die Jungs wissen es am besten. In den USA haben die Dienste Top-Hacker engagiert, um zu lernen, wo die Lücken im System klaffen. Denken wir an den Filmhit Catch Me If You Can, in dem Leonardo DiCaprio den echten Frank Abagnale spielt, der mit falschen Schecks Millionen abgeräumt hatte, bevor er vom FBI angestellt wurde.

In diesem pragmatischen Sinne kann man die EU-Kommissarin nur loben. Guttenberg hat im Laufe seiner Promotionsarbeit fleißig und kreativ im Netz gearbeitet. Er weiß, wie man Quellen anzapft und mit Datenträgern hantiert; 80 sind’s immerhin gewesen. Als Opfer von GuttenPlag weiß er auch, wie es ist, "wenn man persönlich der Macht des Internet ausgesetzt" ist.

Kurzum: Er ist die ideale Besetzung für einen Job, in dem er die "Grenzen der Internetfreiheit" auszuloten gedenkt. Gelingt es ihm, ein paar Pflöcke einzuschlagen, werden ihm andere Dottores dankbar sein. Er spricht auch echt gut Englisch, die Lingua franca der Digitalwelt, was man von vielen seiner CSU-Kollegen nicht behaupten kann.

Neelie Kroes hat demnach einen guten Griff getan. Die anderen EU-Kommissare mögen ihr folgen. Der Wettbewerbskommissar sollte sich aus der Wirtschaft Spezialisten für Preisabsprachen holen. Der Binnenmarktskommissar sollte Leute ernennen, welche die nationale Praxis interner Marktabschottung beherrschen. Der Mann für Steuern und Betrugsbekämpfung holt sich Berater, die Erfahrung in Hinterziehung und Unterschleif haben.

Die EU würde so besser, effizienter und gerechter. Deshalb wollen wir Frau Kroes beglückwünschen. Ihr feines Gespür für Talente sollte ihren Kollegen Beispiel und Ansporn sein. Auch freuen wir uns, immer wieder von "KT" zu hören.