Der Mann, der Griechenland retten soll, reist mit kleinem Gepäck. Er trägt auch am zweiten Tag dieselbe schlichte Krawatte und denselben dunklen Anzug. Kein billiger Stoff, aber auch kein neues Modell. Kein Laptop, kein iPad, dafür eine rotbraune Ledermappe. Darin liegen ein paar Zettel mit Notizen. Ein freundlicher, zurückhaltender Mann. Eine wenig auffällige Erscheinung.

Der Mann, der Griechenland retten soll , würde seinen Auftrag selbst niemals so beschreiben. Und doch wäre das Land einen großen, vielleicht sogar einen entscheidenden Schritt weiter, wenn Horst Reichenbach Erfolg hat. Der 66-jährige Deutsche leitet die EU-Task-Force für Griechenland, eine Art Sondereinheit der Europäischen Kommission, die im Sommer gegründet wurde. Rund 25 Mitarbeiter in Brüssel und ein gutes Dutzend in Athen sollen dem Land helfen, die notwendigen Reformen durchzuführen und die brachliegende Wirtschaft anzukurbeln.

Nun ist es natürlich einerseits ein Zufall, dass diese Task-Force von einem Deutschen geleitet wird. Reichenbachs Mitarbeiter kommen aus Finnland, Italien, Zypern und einem Dutzend weiterer Länder. Es ist das übliche bunte Gemisch, das entsteht, wenn die EU Stellen ausschreibt. Andererseits fällt Reichenbachs Mission in eine Zeit, in der in vielen, vor allem südlichen Ländern Europas ohnehin die Sorge groß ist, künftig nach einer deutschen Pfeife tanzen zu müssen.

Was bedeutet das für Reichenbachs Arbeit? Wie geht er damit um, zwar um Hilfe gebeten, aber mit Argwohn begrüßt zu werden? »Ich bin gewarnt worden«, sagt Reichenbach, »dass die Aufgabe zu groß sein könnte. Aber wenn man es nicht versucht, kann man es auch nicht herausfinden.« Im Übrigen liebe er es, »Probleme zu lösen«. Der Mann, der einmal Mathematik studiert hat, spricht über seinen Auftrag, als handele es sich um ein besonders schwieriges Sudoku.

Sachlich und zurückhaltend tritt Reichenbach auch in Athen auf, was gar nicht einfach ist. Bei seinen ersten beiden Besuchen im Herbst begleiteten ihn Kamerateams des griechischen Fernsehens, die Zeitungen berichteten über seinen Besuch auf der Titelseite. Ein »Statthalter« sei er, hieß es, Merkels Mann in Athen, gekommen, um den bösen Willen der EU zu vollstrecken. Ein Journalist nannte ihn gar einen »Gauleiter«. Es klang wie eine Revanche für all die hämischen Berichte über die »Pleitegriechen« in der Bild -Zeitung.

Reichenbach hat versucht, sich von diesen Anwürfen nicht provozieren zu lassen. Nur einmal, als ihn ein deutschsprachiger Journalist fragt, wie er sich als »Gauleiter« fühle, reagiert er scharf: »Wenn man die meiste Zeit seines Lebens außerhalb Deutschlands gearbeitet hat, erscheinen mir Vergleiche mit früheren deutschen Situationen unangebracht.« Tatsächlich entbehrt es nicht der Ironie, dass ausgerechnet er, der auf eine lange EU-Karriere zurückblicken kann und sich selbst einen »überzeugten Europäer« nennt, nun wieder zuerst als Deutscher angesehen wird.

Dreißig Jahre lang war Reichenbach EU-Beamter, hinter ihm liegt eine glanzvolle Brüsseler Karriere. Er war Kabinettschef und Generaldirektor, hat für ein halbes Dutzend EU-Kommissare gearbeitet. Im Untersuchungsausschuss des Europäischen Parlaments zur BSE-Krise lernte er seine heutige Frau kennen, eine SPD-Abgeordnete. Strukturförderung, Kohäsionsfonds, Verwaltungsreform: Was andere schon beim Hören schreckt, weckt Reichenbachs Ehrgeiz. Zuletzt war er in London, als Vizedirektor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.