ZEITmagazin: Frau Weber, Sie leben seit Langem in Paris und schreiben sowohl auf Deutsch wie auf Französisch, mal in der einen, dann in der anderen Sprache. Würden Sie sagen, Ihre Bücher haben jeweils einen unterschiedlichen Charakter?

Anne Weber: Ja, natürlich. Da ist einerseits der Geist der Sprache und andererseits mein eigener. Das sind zwei Sturköpfe, die aneinandergeraten. Wenn ich französisch schreibe, habe ich mit dem für Deutsche einschüchternden Charakter der französischen Kultur zu tun, mit ihrem hohen Grad der Verfeinerung und Eleganz. Ich komme mir in der französischen Sprache oft vor wie ein deutscher Panzer, der durch einen französischen Garten fährt. Mit dem Deutschen hingegen habe ich einen anderen Zwist. In der Muttersprache haben die Wörter ein anderes Gewicht, sie wiegen schwerer. Ich muss eher versuchen, mich dem Gewicht mancher Wörter zu entziehen.

ZEITmagazin: Der französischen Kultur sagt man Esprit und Leichtigkeit nach. Das sind aber Eigenschaften, die ich in allen Ihren Büchern wiederfinde. Sie gewinnen dem deutschen Satzbau viel Leichtigkeit ab.

Weber: Ich habe wohl trotzdem noch etwas von der berühmten deutschen Schwere. Aber natürlich geht mir der französische Esprit manchmal auch auf die Nerven: das Höfische, das Förmliche, das Effekthascherische. Andererseits ist die Leichtigkeit eine Form der Höflichkeit, die ich bei den Franzosen angenehm finde: Die Höflichkeit verlangt, dass man den Dingen etwas von ihrer Tragik und Schwere nimmt, um den anderen nicht damit zu belasten.

ZEITmagazin: Diese deutsche Kolumne weiß sich einem schweren Thema verpflichtet: Gab es in Ihrem Leben einen Moment der Rettung?

Weber: Ich glaube, es gab nur eine Situation, von der ich wirklich sagen kann: Das hat mich gerettet. Das Unheil war in meinem Fall ein plötzliches. Es war eine dieser Situationen, bei denen man meint, der Boden werde einem unter den Füßen weggezogen. Es war mehr als nur ein Liebeskummer, es war etwas Schockartiges, ein Sturz in die Tiefe.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Ist Ihnen schweres Liebesleid zugestoßen?

Weber: Ja, aber hier soll es ja nicht um einen Schiffbruch, sondern um eine Rettung gehen. Es war jedenfalls ein Absturz, der alles, worauf ich gebaut hatte, was ich für sicher hielt, zusammenstürzen ließ. Ich habe dem einzigen Drang, den ich noch hatte, nachgegeben und mich in eine absolute Einsamkeit begeben. Gegen alle guten Ratschläge, die einem sonst in solchen Situationen gegeben werden. Stattdessen habe ich in einem Küstenort in der westlichen Bretagne ein Zimmer gemietet, ich war ganz auf mich gestellt. Das Zimmer war nicht besonders hell, es war klamm und kalt. Die Leute waren zu mir als einer Auswärtigen auch nicht sonderlich freundlich am Anfang. Trotzdem empfand ich schon auf den ersten Spaziergängen ein Glücksgefühl, das von der Landschaft kam. Immer wieder bin ich stundenlang die Küste entlanggelaufen und hatte das Gefühl, dass ich mit jedem Schritt meiner Rettung näher kam.