Der Himmel über München verweigert das strahlende Blau, das wir von Bayern zu erwarten geneigt sind. Feister Nieselregen fegt in Schauern über Schwabing. Baustellenlampen blinzeln in den dichten Passantenstrom. Wir stehen am Wedekindplatz und versuchen, die Gegenwart zu ignorieren, um an diesem Nachmittag ein Stück Vergangenheit zu besuchen. Man stelle sich vor: Pferdekutschen, die über das feuchte Pflaster poltern. Kühe in Ställen, dampfendes Stroh. Und eine junge Frau von Anfang 30, das Haar notdürftig zum Dutt gerafft, ihr Kind im Arm, eine Mutter, die durch den Regen hetzt, auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Eine Frau, der der Kopf schwirrt von wilden Festen, von Ausschweifungen und Ablenkung, von ihrem nächtlichen Leben im Kreis der trunkenen Boheme. Man stelle sich vor: Schwabing um 1900.

Die junge Frau, Franziska Gräfin zu Reventlow, war 1895 von Norddeutschland nach München gezogen, um aus den Zwängen auszubrechen, die das Kaiserreich für eine Tochter aus gutem Hause vorsah. Sie ließ ein preußisch-strenges Elternhaus zurück, das dem Mädchen sechs Taufnamen und einen Adelstitel, wenig Freiheit und noch weniger Wärme mit auf den Weg gegeben hatte. Rebelliert hatte sie gegen dieses Schicksal von klein auf. "Durch Mangel an Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit war sie ein nachteiliges Beispiel für andere", heißt es in einem Zeugnis der Erziehungsanstalt, von der sie kurz darauf – Betragen: 5 – verwiesen wurde. Wie viele spätere Katastrophen hätte mehr Mangel an Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit im Deutschen Reich verhindern können.

Nathalie Jacobsen steht schirmlos im Regen. Ein Stirnband hält ihr blondes, langes Haar zurück. Mit rot gefrorenen Fingern blättert sie in den Klarsichtfolien ihres Ordners, in alten Fotografien, Bildern und Textsammlungen, um der Vorstellungskraft ihrer Gruppe auf die Sprünge zu helfen. Die Germanistin Nathalie Jacobsen und die Kunsthistorikerin Angelika Dreyer haben im Rahmen von Stattreisen München den Rundgang durch Schwabing erarbeitet, auf den Spuren Franziska zu Reventlows. Anlass ist die Wanderausstellung Alles möchte ich immer , die das Leben der Gräfin nachzeichnet und derzeit im Literaturhaus München zu sehen ist.

Der Rundgang trägt das Motto "Ich liebe den einen und begehre sechs andere" – ein Reventlow-Zitat. Nach dem frühen Scheitern ihrer ersten Ehe konnte sich die Gräfin nie mehr recht zur Monogamie entschließen. Ihr Sohn Rolf, genannt "das Göttertier", wuchs ohne Vater auf. Mit Franz Hessel und ihrem Geliebten Bohdan von Suchocki gründete sie Münchens erste WG. Und der schöne Kosmiker Ludwig Klages schrieb ihr in einem Brief: "Ihnen, meine Freundin, ist etwas dem Fluge des Falters verwandt, Ihnen ist das Leben (...) eine endlose Blütenwiese. Solchem Faltertanz kann ich wohl bewundernd zuschauen, aber ich kann nicht mit. (...) Eigentlich lassen mich Blumen kalt. Ich kann nicht (...) über Flimmerwiesen wirre Bahnen ziehen. Zu traurig und fern ist meine Seele, sie fliegt immer nur ins Abendrot." Franziska zu Reventlow war damals das schillernde Zentrum der Münchner Boheme.

Zur Führung sind 20 Teilnehmer der Altersgruppe 50 plus erschienen, ein Viertel Herren, drei Viertel Damen, die sich beim Schwarz-Weiß-Porträt des jungen Klages an James Dean erinnert fühlen. Aus den Schriften zu Reventlows wüsste kaum jemand zu zitieren – aus dem autobiografischen Roman Ellen Olestjerne, aus Der Geldkomplex. Roman, meinen Gläubigern zugeeignet, aus den Übersetzungen und Essays. Die Gräfin selbst nahm ihre Autorenschaft nicht allzu ernst, bat in einem Brief an einen Verleger sogar ausdrücklich darum, "mich nicht für eine so genannte Schriftstellerin zu halten". Als Malerin jedoch – ihr Traum – hat sie sich nie durchsetzen können. Und weil die Mittel zum Leben stets knapp waren, finanzierte sie ihren Unterhalt gelegentlich auch mit Liebesdiensten. In ihrem Tagebuch kommentierte sie das aufs Pragmatischste: "Ach, guter Gott, in Geschichten werfen sich sündige Mütter an der Wiege ihres Kindes nieder etc. Ich komme müde heim, bin froh, wenn ich etwas mehr Geld in der Tasche hab’ und wieder bei meinem Bübchen bin." Ein paar Damen auf dem feuchten Schwabinger Pflaster nicken energisch.