Freudige Überraschungen gab es in den vergangenen Jahren nicht viele für die überzeugte Demokratin Inna Kurtjukowa. Umso mehr hat sie die Großdemonstration am Samstag vor einer Woche in Moskau genossen. Gut 40.000 Russen protestierten gegen die Partei der Macht Einiges Russland und gegen Premierminister Wladimir Putin. Kurtjukowa hatte nur 3000 Teilnehmer erwartet. Vor allem junge Demonstranten kamen, die bisher lieber im Warmen vor dem Computer gesessen hatten. Sie machten den Protest zu einem Festtag. Das bunte Flaggenmeer am Seitenkanal der Moskwa verwehte das Einheitsgrau der Funktionäre aus der Putin-Partei. Auch am gestrigen Samstag gingen in vielen Städten wieder Tausende auf die Straßen.

Die Vielfalt spiegelt das neue Russland wider : Es ist ein junges, intellektuelles, selbstsicheres Russland. Demokraten standen neben Nationalisten und Kommunisten. Aktivisten der Autofahrerverbände demonstrierten an der Seite der Opfer betrügerischer Bauunternehmen. Die Hipster zückten ihre Smartphones und Tablet-PCs. Die Vereinzelung in der russischen Gesellschaft, in der die Mehrheit nicht an den Erfolg gemeinsamer Aktionen glaubt, schien beendet. Sogar Soziologen überraschte das.

Zwei Tage später fand sich Kurtjukowa im russischen Alltag wieder. Am vergangenen Montag saß sie als moralischer Beistand auf der Zuhörerbank im Moskauer Stadtgericht, Saal 415, wo eine Wahlbeobachterin ihrer Organisation Bürgerbeobachter gegen die Wahlkommission klagte. Diese hatte sie am Wahltag vor die Tür gesetzt. Kurzzeitig kam bei Kurtjukowa Hoffnung auf in diesem juristischen Nachgefecht gegen eine Wahl, die wegen ihrer schweren Manipulationen und Fälschungen in die Geschichte eingehen wird. Sogar die Staatsanwältin schloss sich der Sichtweise der Wahlbeobachter an. Doch die Richter entschieden gegen die Kläger, Kurtjukowa lächelte trotzdem. Sie hat gelernt, dass Niederlagen das Los der russischen Demokraten sind. Vom Moskauer Stadtgericht war nichts anderes zu erwarten.

Wer Kurtjukowa zum ersten Mal begegnet, mag vorschnell denken, sie sei harmlos. Ihre grauen Haare umranden ein freundliches Gesicht, sie trägt eine geblümte Bluse und übt seit zwanzig Jahren den unspektakulären Beruf der Buchhalterin aus. Aber wenn die 54-Jährige spricht, klingen Selbstbewusstsein und eine Gelassenheit durch, die sie sich in schweren Zeiten antrainiert hat. Vor einem Jahr noch war sie in eine politische Depression verfallen. »Nichts änderte sich, das Tandem Putin und Medwedjew log ständig«, sagt sie, »und ich fühlte mich dem ohnmächtig ausgeliefert.« Seit 1991, als Hunderttausende auf Moskaus Straßen gingen, streitet sie für eine russische Demokratie. Sie erlebte den vermeintlichen Sieg mit dem Untergang der Sowjetunion, durchlebte ein chaotisches Jahrzehnt der Bereicherung durch Privatisierung und ein stabiles Jahrzehnt der eingeschränkten Freiheit unter Putin. Ihr Diskussionsklub Austausch, der als Keimzelle einer Bürgergesellschaft Intellektuelle anziehen sollte, bekam bald keinen Raum mehr in der städtischen Bibliothek. Fitnesssportler und Buddhisten galten dagegen als unbedenklich und durften bleiben. Das politische Leben stagnierte. Bis Kurtjukowa ein Projekt fand, das sie von Neuem begeisterte.

Nach der Moskauer Stadtratswahl vor zwei Jahren schlossen sich 120 Wahlbeobachter zusammen. Sie waren frustriert, weil die Parteien, für die sie Wahllokale kontrolliert hatten, ihre Berichte über Stimmenklau und Falschauszählungen unbeachtet ließen. Sie beschlossen, künftig eigenständig Wahlen zu beobachten. Die Organisation Bürgerbeobachter war geboren, und Kurtjukowa stieß bald dazu. Räume, Computer und Kopierer stellten Menschenrechtsorganisationen zur Verfügung. Freiwillige wurden gesucht und in zwei vierstündigen Seminaren ausgebildet und trainiert. Wahlbeobachtung hausgemacht – das weckte Misstrauen bei den Behörden. Die schickten Spitzel. »Einmal saßen sechzig neue Freiwillige im Saal, als das Seminar noch gar nicht angefangen hatte«, erzählt Kurtjukowa. »Da war uns gleich klar – das sind Provokateure. Demokraten kommen immer zu spät.«

Anfangs meldeten sich vor allem Ältere aus der Generation der demschisy, der »schizophrenen Demokraten«, wie mancher sie bösartig nennt: Äußerlich eher verstrubbelt, betreiben sie unbeirrt und einsam ihre Demokratisierungsmission. Aber als der bekannteste Blogger und Antikreml-Aktivist Alexej Nawalny die Bürgerbeobachter in seinem Blog erwähnte, kamen binnen zweier Tage hundert Wahlbeobachter der jungen Generation hinzu. Die meisten waren um die dreißig Jahre alt. »Viele unserer Mitmenschen sind etwas bequem«, sagt Kurtjukowa, »aber wenn sie sich engagieren, fehlt es ihnen nicht an Mut.« Allein 40 der 500 Beobachter meldeten noch in der Wahlnacht ihren Rausschmiss aus den Wahllokalen.

Viel Zeit zum Luftholen bleibt den »Bürgerbeobachtern« nicht. Am 4. März wählt Russland einen neuen Präsidenten. Kurtjukowa setzt sich keine großen Ziele: »Wir müssen unsere Wahlbeobachter juristisch besser schulen, damit sie den Polizisten die Gesetzesparagraphen erklären können. Die Beamte selbst kennen sie gar nicht.« Sie mag von mehr Wahlbeobachtern träumen, aber als reales Ziel setzt sie sich, wieder 500 auszubilden. »Zwar schreiben die Zeitungen jetzt von der plötzlichen Aktivität der einst Unpolitischen, aber ich bleibe Realistin«, sagt Kurtjukowa. »Derzeit kommen nur ein bis zwei Freiwillige täglich neu zu uns. Das ist wenig.« Auf den nächsten Großdemonstrationen werden ihre Mitstreiter weiter Wahlbeobachter anwerben. Dass auch Nationalisten dabei sein könnten, stört sie nicht. Jetzt gehe es erst mal um die gemeinsame Sache. »Die Einheit der Opposition«, sagt sie, »war die unangenehme Neuigkeit für die Machthaber.«