Erst traf es Deutschland, Frankreich und andere Länder der Euro-Zone. Dann folgten der europäische Rettungsfonds, die EU, die staatliche Bank KfW in Deutschland sowie private Banken und Versicherungen im Dutzend.

Es war eine wahre Flut, die da vergangene Woche über Europa hereinbrach, eine Flut von Warnungen, die Kreditwürdigkeit werde überprüft und womöglich binnen 90 Tagen herabgestuft. Politiker nannten das Vorgehen »ungeheuerlich«, Banker kritisierten, da mutiere jemand zum »Scharfrichter« und maße sich kurz vor einem Gipfel der Euro-Zone »gestalterische Ambitionen« an. Wird die Kreditwürdigkeit herabgestuft , dann wird es für ein Land oder Unternehmen teurer, sich am Kapitalmarkt Geld zu leihen. Und allein die Androhung einer Herabstufung übt schon enormen Druck aus.

Verschickt wurden die Warnungen aus einem hellen, viele Stockwerke hohen Bürokomplex an der Südspitze Manhattans. Der East River ist nur wenige Meter entfernt, bis zur Wall Street und der New Yorker Börse sind es ein paar Minuten zu Fuß. Die Adresse lautet 55 Water Street. Dort residiert das Unternehmen, das bereit scheint, es mit der ganzen Welt aufzunehmen. Sein Name: Standard & Poor’s, in der Finanzwelt schlicht S&P.

Hinter dem Kürzel steckt eine Ratingagentur , nein – die Ratingagentur. Auch Moody’s oder Fitch benoten Unternehmen, Staaten und Produkte. Keine Ratingagentur aber sorgt regelmäßig für so viel Aufsehen wie S&P. Keine ist mächtiger. Senkt S&P den Daumen, dann übt das Druck auf Konzerne und Banken aus. Es beeinflusst Milliardenströme und bringt Regierungen ins Wanken.

Wer oder was aber ist S&P?

Antwort: ein Goldesel, eine Tochterfirma – und bald ein eigenständiger Konzern. Ein Unternehmen, dessen Kern die Ratingagentur ist, das drum herum aber längst eine Familie von Finanzdienstleistungen versammelt. Eine Institution, die sich als unabhängig betrachtet, zugleich aber den Interessen von Investoren und Managern unterliegt.

Zunächst einmal ist S&P Ratings ein hoch profitables Geschäft . Im Jahr 2010 erwirtschaftete die Agentur mit Ratings 1,7 Milliarden Dollar – und fast die Hälfte davon, 762 Millionen Dollar, konnte als operativer Gewinn verbucht werden. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres sind Umsatz und Gewinn weiter gestiegen. Geografisch verteilt sich das Geschäft fast 50:50 auf die Heimat USA und den Rest des Globus.