Er sei ein Hetzer und Spalter, hat jemand im Internet über ihn geschrieben. Er solle sich in seine "bescheuerte Wessi-Stadt" zurückziehen, fordert ein anderer, und: "Bei Leuten wie ihm könnte man echt rechtsradikal werden."

Dies ist die Geschichte eines Missverständnisses. Es geht um einen deutschen Schriftsteller, der nicht deutsch aussieht und daher Angst hat, nach Thüringen oder Sachsen zu reisen. Es geht um das Klischee des braunen Ostens und darum, wie Medien dieses Klischee mit den immer gleichen Bildern nähren. Steven Uhly wurde wohl ein Opfer dieser Maschinerie. Er wollte die Menschen im Osten für seine Angst sensibilisieren. Und bemerkte zu spät, dass er nur alte Vorurteile bediente.

Im November ist Uhly, Sohn einer deutschen Mutter und eines bengalischen Vaters, mit einem Team des ZDF-Magazins Aspekte nach Jena gereist. Uhlys aktueller Roman handelt von der Eigendynamik des Rechtsradikalismus. Er heißt Adams Fuge. Wer will, kann darin eine Gebrauchsanweisung für die Mordserie der Zwickauer Terrorzelle lesen.

Uhlys Roman spielt in Mannheim. In Jena, so hatte ihm das ZDF gesagt, sollte er darüber sprechen, wie die Realität seine Fiktion eingeholt habe. Der fertig geschnittene Beitrag vermittelt jedoch eine andere Botschaft. Er reduziert Uhly auf seine Angst vor dem Osten.

Die treibt den Mann tatsächlich um. Warum? Er, vierfacher Vater, war seit der Wende erst dreimal hier – 1990 in Dresden und danach auf der Leipziger Buchmesse. Reisen, an die er sich gern erinnert. Uhly sagt: "Die Menschen dort haben sich eine Freundlichkeit bewahrt, die wir im Westen verloren haben." Auch in Jena habe er sich keine Sekunde lang bedroht gefühlt – "eine ganz normale Stadt".

Warum Uhly dort nie aus eigenem Antrieb hingefahren wäre, versteht nur, wer seine Geschichte kennt. Aufgewachsen in den siebziger Jahren in Köln, sei er als "Nigger" beschimpft worden, sagt er. Schulkameraden hätten ihn wegen seiner Hautfarbe gemobbt.

Das Gefühl, ausgegrenzt zu werden: Uhly sagt, er habe es überwunden, weil im Westen der Widerstand gegen Rechtsradikalismus erstarkt sei. Lichterketten gegen ausländerfeindliche Übergriffe. All das. Vielleicht sei die Aufarbeitung etwas, das dem Osten noch bevorstehe. Die Aufarbeitung des Neofaschismus, den es in der DDR nur scheinbar nicht gab.

Rostock. Hoyerswerda. Zwickau. Orte, die Chiffren wurden. Uhly macht kein Hehl daraus, dass sie sein Ost-Bild geprägt haben. Er sagt: "Wer hilft mir, falls mir im Osten etwas passiert?" Umso mehr ärgert es ihn aber auch, vom ZDF zum Chefankläger der neuen Länder gemacht worden zu sein. "Ich bin", sagt er, "als potenzielles Opfer durchs Bild gerannt." Er nährte das Klischee.

Uhly hat sich von dem Beitrag distanziert. Und will den Osten kennenlernen. Bald wird er erneut nach Jena reisen – allein. Er will mit den Menschen sprechen.